Davon zeugen schon die 393 Schriftstücke, die Klimt zwischen 1897 und 1917 an Emilie verfasst und oft in erstaunlich kurzen Zeitabschnitten abschickt. Am 10. Juli 1909 etwa sendet er acht Karten per Rohrpost an Emilie. Diese Korrespondenz wurde von mir im Flöge-Nachlass entdeckt, angekauft und 1999 über das Auk-
tionshaus Sotheby’s an die Sammlung Leopold in Wien vermittelt.

Der Inhalt dieser Korrespondenz ist meist belanglos, ja oft banal. Wir erfahren darin nichts über Klimts Werk, sein Künstlerleben oder über die Liebesbeziehung zu Emilie. Die Grußformeln sind äußerst formell, etwa: "besten Gruß Gust.", "Leb wohl, noch einmal", ein kurzes "Gustav" oder "herzlichen Gruß an alle".

Niemals kommen die - unter Liebenden üblichen - Worte "Umarmung", "Kuss" oder "Sehnsucht" vor. Hat Emilie die wahren Liebesbriefe aus Prüderie verschwinden lassen, sind sie vielleicht im Schloss Immendorf (NÖ; seit 1942 Kunstdepot, am 8. Mai 1945 in Brand gesteckt, Anm.) verbrannt oder wurden sie gar nie geschrieben? Dazu wäre anzumerken, dass Klimt ein ausgesprochenes Anti-Schreibtalent an den Tag legte und ihn auch die zahlreichen, mitunter primitiven Rechtschreibfehler wenig kümmerten.

Die Musen haben Künstlern oft ein absolutes Gehör, einen absoluten Stil oder ein absolutes Auge mit auf den Lebensweg gegeben. Den Einzelkünstler aber haben sie stets nur mit einer Gabebeschenkt: Im Falle Klimt mit dem absoluten Auge!

Im Jahr 1894 erteilt das Unterrichtsministerium den Auftrag, Entwürfe zur Ausschmückung der Universität einzureichen. Diese sogenannten Fakultätsbilder (Darstellung von Medizin und Philosophie) werden zum Skandal: zum einen, weil sie von den Professoren abgelehnt werden, zum anderen, weil sie auch zum Bruch mit Franz Matsch führen, der den kühnen, neuen Bildvorstellungen Klimts nicht mehr folgen kann. Gustav Klimt kauft zwar seine eigenen Entwürfe mit Hilfe eines Mäzens, der Familie Lederer, zurück, ist aber von dieser offiziellen Demütigung ebenso getroffen wie von der Ablehnung des Staates, ihm eine Professur an der Meisterschule für Historienmalerei an der Akademie der Bildenden Künste zu verleihen, obwohl ihn die Professorenschaft primo loco vorgeschlagen hatte.

Portraitgetreue Figuren

Die progressiven Wiener Maler, vor allem Oskar Kokoschka und Egon Schiele, haben die Führungsposition des Meisters hingegen anerkannt und noch zu seinen Lebzeiten gewürdigt. Kokoschka widmete ihm sein Frühwerk von 1908, die bunten Holzschnitt-Illustrationen in den "Träumenden Knaben", mit den Worten: "Gustav Klimt in Verehrung zugeeignet". Egon Schiele wiederum hat uns ein schönes Aquarell (1916) hinterlassen, das den Meister in seinem typischen blauen Malerkittel in voller Figur zeigt.

Wie wach und gleichzeitig akribisch genau Klimt sein Augenmerk nicht nur auf die Künstler der kommenden Generation geworfen hat, sondern auch auf seine Zeitgenossen in ihrer Gesamtheit, zeigt sein großes Aquarell (91,2 x 103 cm!) "Zuschauerraum im alten Burgtheater" (1888/89, Wien Museum). Trotz seines großflächigen Zusammenhaltes ist jede Figur namentlich überliefert und in ihrer portraitgetreuen Einzigartigkeit erkennbar! Unter den Gästen befinden sich Persönlichkeiten wie der Bruder Ernst Klimt, der Schauspieler Alfred Girardi, der Musiker Johannes Brahms und der Schriftsteller Eduard von Bauernfeld, der Bürgermeister Karl Lueger und der Ministerpräsident Eduard Graf Taaffe, aber auch Aristokraten wie Erzherzog Carl Ludwig oder die Herzogin Thyra von Cumberland, Tochter des Königs Christian IV. von Dänemark.