In jeder Faser von Ardi Hasanis Wintermantel nistet sich der beißende Geruch von Autoabgasen und Holzkohle ein. Sobald an Wintertagen die Dämmerung einbricht, kriecht der Smog in die Straßen von Pristina. Hasani läuft den Mutter-Theresa-Boulevard entlang, die Fußgängerzone und das Herz des Stadtlebens. Er betritt ein Café in einer Seitenstraße, schließt die Tür hinter sich, die Stadtluft lässt er draußen. Hasani ist 26, trägt kurze braune Haare, einen feinmaschigen dunkelblauen Strickpullover, Jeans. Er setzt sich an einen runden Holztisch, ein vollgepacktes Bücherregal im Rücken, begrüßt den Kellner mit Handschlag, bestellt einen Kaffee, wartet auf seine Freunde. Der Laden ist voll. Viele junge Leute in Langarmshirts fläzen in Sesseln, im Hintergrund läuft leise Jazzmusik. Sie sitzen hier fast jeden Tag, trinken Kaffee, Tee, Bier. Hier oder in einem anderen Lokal in der Nähe des Boulevards.

Später werden Hasani und seine Freunde in einem Club oder im Jazzkeller um die Ecke absteigen, der gegen 23 Uhr die Tür öffnet. Vom Vormittag bis in die Nacht ist der Boulevard im Stadtzentrum voll von Menschen, die flanieren und Tavernen und Cafés ansteuern, viele von ihnen in den Zwanzigern. Nachmittags erobern junge Eltern die Fußgängerzone, mit Kinderwagen und Kleinkindern an der Hand. Es scheint, als liefen sie den ganzen Tag vom einen Ende des 600 Meter langen Boulevards zum anderen und zurück, so voll ist es durchgehend.

Hohe Geburtenrate

Die Hauptstadt des Kosovo, die kaum 210.000 Einwohner hat, ist lebendig und quirlig. Aus den Radios der Lokale und Autos schallt albanischer Hip-Hop. Die Cafés sind genauso modisch wie jene in Wien Neubau. In den Straßen tummeln sich junge Menschen mit jungen Ideen, die darauf warten, die Welt zu verändern. Viele sprechen Englisch und Deutsch, plaudern über Musik, Politik und Europa, träumen von Visafreiheit für den Schengenraum.



Der Kosovo hat die jüngste Bevölkerung Europas. Die Hälfte der Kosovaren ist nach Angaben der Austrian Development Agency jünger als dreißig Jahre. Grund dafür ist vor allem die hohe Geburtenrate in diesem mehrheitlich muslimischen Land. Außerdem liegt die Lebenserwartung nur bei knapp siebzig Jahren.

Die Jugendlichen haben Ideen, die noch vor dem Aufblühen ersticken, da es dafür keinen Raum gibt. Lieber würde Ardi Hasani seine Zeit anders verbringen als damit, den ganzen Tag rumzuhängen, "arbeiten, irgendetwas Sinnvolles machen", sagt er. Aber er hat aufgegeben, eine Stelle zu suchen. "Es gibt einfach nichts zu tun." Dabei hat er einen Abschluss in Wirtschaft von der Universität Pristina.