Lehrt am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen: Bernhard Pörksen. - © Peter-Andreas Hassiepen
Lehrt am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen: Bernhard Pörksen. - © Peter-Andreas Hassiepen

Die mit der tragischsten Symbolik aufgeladenen Bilder des jungen 21. Jahrhunderts wurden wohl am 11. September 2001 in New York aufgenommen. Damals krachten zwei vollbesetzte Passagiermaschinen in das World Trade Center, und brachten damit nicht nur dessen beide Türme zum Einsturz, sondern auch die Hoffnung auf den Beginn eines völlig friedlich und problemlos verlaufenden dritten Jahrtausends.

Der deutsche Medienwissenschafter Bernhard Pörksen hat nun ein bemerkenswertes Buch geschrieben, bei dem eine der entscheidenden Szenen am "Ground Zero" spielt. Allerdings kommt in der Szene niemand zu Tode. Die Bilder, die Pörksen zeigt, stammen nämlich vom 11. September 2016.

An diesem heißen, schwülen Tag fand dort eine Gedenkveranstaltung für 9/11 statt, bei der auch die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton anwesend war. "Es ist die Hochphase des Wahlkampfes" und Clinton, die gerade an einer Lungenentzündung laboriert, verlässt die Veranstaltung vorzeitig. Sie wird dabei mit einem Smartphone gefilmt. "Man sieht, wie Clinton die Beine wegsacken, wie ihre Mitarbeiter ihr unter die Arme greifen, geistesgegenwärtig einen Kreis bilden, um sie vor neugierigen Blicken zu schützen." Der Schwächeanfall, dessen mediales Echo und Nachspiel Pörksen akribisch dokumentiert, wird für Clinton beinahe binnen Minuten "zum global diskutierten Imagedesaster".

Pörksen vergleicht diese Bilder mit jenen von Franklin D. Roosevelt, der in der Phase seiner Präsidentschaft, 1933 bis 1945, im Rollstuhl saß, und ohne fremde Hilfe nur ein paar Schritte gehen konnte. Da Roosevelt sein öffentliches Bild noch kontrollieren konnte, blieb aber sein Gesundheitszustand "der Bevölkerungsmehrheit zu Lebzeiten weitgehend unbekannt".

Dieses Beispiel soll zeigen, in welchem Ausmaß und mit welcher Geschwindigkeit die neuen Me-dien heute die Autorität und das Ansehen "pulverisieren" können. Es ist eines von vielen, die Bernhard Pörksen in seinem Buch versammelt hat. Es trägt - angelehnt an ein Kapitel aus Thomas Manns "Zauberberg" - den Titel "Die große Gereiztheit", und Pörksen porträtiert darin die angespannte Grundbefindlichkeit des zeitgenössischen Menschen in der westlichen Welt, der aufgrund moderner Kommunikationstechnik permanent unter medialem Beschuss steht.

Das ambitionierte Ziel von Pörksen ist dabei nicht, die konkreten Erscheinungsformen des Fortschritts - Facebook, Google und Twitter - generell in Misskredit zu bringen. Er will aus dem breiten Spektrum der unerfreulichen Begleiterscheinungen - Cybermobbing, kriminelle Netzwerke im Darknet, Fake-News, Shitstorms, Trolle - dieser erfolgreichen Errungenschaften allerdings die Lehren ziehen. Und damit den daraus resultierenden, für die liberale Demokratie potentiell fatalen Entwicklungen konsequent entgegenwirken. Und das auf möglichst breiter Front.