Dennoch kann man nicht ausschließen, dass sein Buch über "Die große Gereiztheit" selbst zu einer Ursache für Gereiztheit wird. Zum einen, weil "im Zuge der Digitalisierung, der Vernetzung und des weltweiten Einsatzes von digitalen Medien das Hier und das Dort, das Vergangene und das Gegenwärtige, die Information und die Emotion, das Gesprochene und das Geschriebene, das Reale und das Simulierte, die Kopie und das Original" verschmelzen. Damit ist vielleicht, so die Befürchtung von Pörksen, ein so fruchtbarer Humus für Desinformation geschaffen worden, wie es ihn noch nie zuvor gab

Zum anderen, weil über ideologische Standpunkte schon immer gestritten wurde, und "die große Gereiztheit längst auch den Diskurs über den Diskurs erreicht" hat. Abseits aller Ideologie könnten sich von den Thesen Pörksens aber auch jene Leser gereizt fühlen, denen die von ihm sichtbar gemachten Schattenseiten des digitalen Fortschritts weniger Sorgen machen als das Dilemma, das sich aus der Gleichzeitigkeit einer die Natur völlig erschöpfenden Wirtschaft, einer stetig stark wachsenden Weltbevölkerung und einer offenbar aus freien Stücken nirgends ausreichend sinkenden Anspruchshaltung ergibt.

Um den Intentionen von Bernhard Pörksen wirklich gerecht zu werden, sollte man daher auch bei der Lektüre seines Buches kritisch sein. Beim anfangs erwähnten Vergleich zwischen Hillary Clinton und Roosevelt könnte man zum Beispiel einwenden, dass das Entscheidende bei Politikern am Ende nicht ihr Privates, sondern ihre Reaktion auf jene Ereignisse ist, die sich schon lange vor der Ära des Internet nicht vor der Öffentlichkeit verbergen haben lassen - der Angriff auf Pearl Harbour, nach dem die USA in den Weltkrieg eingetreten sind, wäre ein Beispiel. Wenn man sich daran orientiert, dann vermutet man, dass der Schwächeanfall von Hillary Clinton an dem Ort, wo die USA erneut mit so großer Wucht angegriffen wurden, im Gedächtnis der Menschheit wohl bald verblasst.

Man könnte den Argumenten von Pörksen auch mit der Skepsis des Publizisten Henning Ritter begegnen, der darauf hinwies, dass "ein Fortschritt, der keine Kraft zu Rückschritten hat, sich selbst zerstört". Man sollte dann aber nicht darauf vergessen, dass nicht nur jeder Fortschritt Gefahren bringt, sondern auch jeder Rückschritt - und man Frieden nie geschenkt bekommt. In Pörksens sehr unbequemem Buch geht es um nichts Geringeres als genau darum: um "die Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen und seine Fähigkeit, mit anderen auf gute Weise in Freiheit zu leben".