Von Österreich weiß die Welt außerhalb der EU - von einigen gängigen Klischees abgesehen - verhältnismäßig wenig. Unter jenen Ausländern aber, die sich etwas eingehender mit politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in unserem Land beschäftigen, wird es wohl kaum welche geben, die Österreich nicht als Land mit ausgeglichenem sozialen Klima um die Harmonie in den Beziehungen zwischen "Kapital und Arbeit" - heißt Unternehmer- und Arbeitnehmerorganisationen - und um das System des Ausgleichs von Gruppeninteressen in der sogenannten Sozialpartnerschaft beneiden.

Das österreichische Modell für die Zusammenarbeit der Wirtschaftspartner hat in unserem Land eine nunmehr rund 70-jährige Erfolgsgeschichte. Nach dem Kriegsende 1945 waren die Ausgangsbedingungen schlechter als 1918. Nicht nur waren viele arbeitsfähige Männer gefallen, verwundet oder in Gefangenschaft, sondern die Infrastruktur sowie die Produktionsanlagen waren zu einem erheblichen Teil zerstört, Rohstoffe und Brennstoffe sowie Nahrungsmittel dramatisch verknappt, das Land von den Alliierten besetzt und zunächst mit hohen Besatzungskosten belastet.

Das BIP erreichte nicht einmal die Hälfte von 1913. Die Mehrheit der Bevölkerung hungerte. Zusätzlich gab es 1945 in der Erinnerung des ehemaligen ÖNB-Generaldirektors Heinz Kienzl (geboren 1922) eine Geldschwemme, der kaum ein Angebot an Waren und Dienstleistungen entgegenstand und die daher eine hohe Inflation auslöste, die natürlich von den Politikern und Gewerkschaftern dieser Zeit, welchen noch die galoppierende Inflation der ersten Republik in Erinnerung war, als neuerliche Gefahr für die Wirtschaft und Gesellschaft unter Kontrolle gebracht werden musste.

In dieser schwierigen Zeit des Wiederaufbaus entstand eine vorbehaltlose Zusammenarbeit der ehemaligen Gegner des Bürgerkrieges, was eine maximale politische Stabilität sicherte und zu einer Rücksichtnahme auf die Notwendigkeiten der Wirtschaftspartner führte. Es gab viele bedeutende Persönlichkeiten, die diese Zusammenarbeit prägten, wie etwa der ÖGB-Präsident Johann Böhm und ab 1953 Bundeskanzler Julius Raab, die als Väter der Sozialpartnerschaft gelten. Laut Heinz Kienzl, der bereits Ende der vierziger Jahre dabei war und mit unzähligen Vertretern der Interessenvertretungen viel zum Erfolg dieser Zusammenarbeit bei Lohn- und Preisabkommen, in der "Paritätischen Preis-Lohnkommission" und dem "Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen" beigetragen hat, war es in erster Linie eine Entwicklung, die sich durch die erzielten Erfolge und die Nützlichkeit für die Regierung Schritt für Schritt vertiefte und ausweitete.