Ist es schon Arbeit, wenn man sich durch Formularfelder und AGBs wühlt und sein Online-Ticket selbst ausdruckt, anstatt beim (wegrationalisierten) Schalterbeamten seine Fahrkarte zu kaufen? Ist es noch Freizeit, wenn man stundenlang am Tag auf Facebook Bilder teilt und mit Freunden chattet? Oder schon Arbeit, weil man mit der Generierung bisher nicht eigentumsfähiger Daten zur gigantischen Marktkapitalisierung von Facebook, Google und Co. beiträgt, ohne davon zu profitieren? Sind die Amabots, Crowdworker und Uber-Fahrer nicht die postindustrielle Reservearmee, eine per Mausklick verfügbare und rekrutierbare Masse, die man unter Ausbeutung ihrer Datenarbeit nach dem Prinzip hire and fire einstellen kann?

Der zentrale Unterschied zwischen Manchester-Kapitalismus und digitalem Kapitalismus ist, dass Kapitalisten heute nicht mehr nur mechanische Arbeit, sondern auch kognitives bzw. körperliches Kapital abschöpfen: Gedanken, Emotionen, physiologische Parameter wie Puls und Schlaf. Geteilte Erinnerungen auf Facebook sind im Grunde bloß Rohdaten für eine riesige Werbemaschinerie. Das Proletariat ist ein Kognitariat, sagt der italienische Philosoph Franco Berardi - man wird für geistige Arbeit nicht einmal mehr entlohnt. Die Arbeit ist zwar mental, doch die Kognitarier arbeiten auch körperlich - die Augen werden von der Bildschirmarbeit müde, den Klickworkern schmerzt das Handgelenk, ihre Nerven werden von den Sirenen der Aufmerksamkeitsökonomie aufs Ärgste strapaziert.

Die marxistische Lehre stellt darauf ab, das von der Lohnarbeit versklavte Subjekt zu befreien. Mit der Automatisierung scheint die Utopie einer Post-Arbeits-Gesellschaft auf, in der Roboter für uns arbeiten und unseren Wohlstand erwirtschaften. Der Mensch könnte es sich in der sozialen Hängematte bequem machen. Karl Marx träumte von einer Gesellschaftsordnung, die es jedem möglich mache, "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden".

Arbeitsame Freizeit

Doch das Problem ist nicht, die Menschen von der Fron der Arbeit zu befreien. Die Arbeitsbedingungen sind humaner geworden, die Wochenarbeitszeit ist in fast allen Industrienationen (mit Ausnahme Japans) gesunken. Die deutsche IG Metall fordert eine 28-Stunden-Woche, die Genera-
tion Y fragt im Vorstellungsgespräch nach der Work-Life-Balance und dem Sabbatjahr; die Arbeit zu Hause erledigen Haushaltsroboter. Das Problem scheint eher zu sein, wie man Menschen von ihrer arbeitsamen Freizeit befreit.

Es geht darum, wem unsere Zeitkonten zur Verfügung stehen. Google? Facebook? Dem Arbeitgeber? Der Familie? In der Aufmerksamkeitsökonomie konkurriert jeder gegen jeden: Die Spiele-App mit der Schwiegertochter, Whats- app mit dem Projektmanager. Franco Berardi spricht von "Info-Arbeit": Das Kapital rekrutiere nicht mehr Personal, sondern kaufe Zeitpakete. Der Produk-
tionsprozess werde semiotisch, und dieses Zeichenmaterial (etwa Emojis) werde durch "informatische Prozeduren" neu kombiniert und in den digitalen Verwertungskreislauf eingespeist. Das Fabrikband kann man einfach verlassen. Von kognitiver Arbeit kann man sich dagegen nicht so einfach trennen, weil die Maschine im Gehirn unaufhaltsam weiter rattert. Wo Arbeit entgrenzt wird, sind auch ihrer Kapitalisierung keine Grenzen gesetzt.