Der Technikphilosoph Bernard Stiegler schreibt in seinem Werk "La Société automatique : 1. L’avenir du travail": "Wenn volle und generalisierte Automatisierung Zeit im Allgemeinen befreien soll, wie vermeiden wir dann, dass diese befreite und daher verfügbare Zeit eine neue verfügbare Gehirnzeit wird, nicht mehr televisuell, sondern googlistisch, amazonisch oder facebookianisch?"

Das von der Arbeitszeit befreite Subjekt, so die Dialektik, werde nun von den Datenkraken versklavt. Stiegler spricht von der "Proletarisierung der Produzenten", sprich der Nutzer, die zwar Inhalte konsumieren, aber auch Daten produzieren und insofern Produzenten sind. Die mechanisch gedachte Arbeiter-Parole "Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will" läuft leer, weil die Datenmaschinerie permanent weiterläuft.

Selbst wenn Uber-Fahrer streiken, werten Algorithmen in irgendwelchen Serverfarmen Fahrdaten aus und schöpfen daraus Mehrwert. Gewiss, es erscheint zirkelschlüssig, den Menschen von seiner Freizeit zu befreien, doch das Problem, dass Arbeit im Gewand der Freizeit daherkommt und der Körper zur verlängerten Werkbank geworden ist, aus dem Tech-Konzerne Daten schürfen, hat die europäische Linke bisher kaum adressiert. Was also ist zu tun?

Erosion der Privatsphäre

Ein kultureller Chorgesang à la "Crowdworker aller Welt, vereinigt euch" erschiene zu simpel und würde alte kommunistische Klamotten reanimieren. Es braucht nicht unbedingt eine neue Mehrwerttheorie, aber eine Debatte darüber, was uns Privatsphäre wert ist und ob sie vielleicht mehr ist als eine protektionistische Barriere, die der Kapitalisierung von Körperfunktionen im Weg steht.

Die Erosion der Privatsphäre ist schließlich eine direkte Folge der Atomisierung der Gesellschaft, deren Individuen den Fliehkräften der Marktwirtschaft schonungslos ausgesetzt sind. Daher führte auch die Entlohnung von Daten, wie sie etwa der US-amerikanische Informatiker Jaron Lanier vorschlägt, in die Irre, weil sie neue Abhängigkeiten und prekäre Beschäftigungen erzeugt.

So paradox es klingt: Das radikal befreite Subjekt ist unfrei, weil es die Fabrikation von Daten in einer totalüberwachten Gesellschaft nicht verhindern kann. Die Linke muss das Thema Arbeit aktualisieren und deren neue Erscheinungsformen politikfähig machen. Sonst droht sie vom Datenkapitalismus selbst disruptiert zu werden.