Die Werke von Pirquet und Oberth faszinieren Herman Potočnik. Er kommt 1892 in Pola, Istrien, zur Welt - damals der österreichische Hauptkriegshafen. Der Sohn slowenischer Eltern
besucht die Militärakademie in Mödling. Später studiert er an der Technischen Hochschule in Wien. Potočnik zeichnet ein orbitales "Wohnrad" von 30 Metern Durchmesser aufs Papier: Beständige Rotation soll in dessen Radkranz für künstliche Schwerkraft sorgen.

Außerdem träumt er von "stehenden Satelliten", 36.000 Kilometer hoch über dem Erdäquator. Dort entspräche ihre Umlaufzeit exakt der Dauer einer Erdumdrehung - aus irdischer Perspektive stünden sie somit still. Heute richten Besitzer von SAT-Anlagen ihre Antennen auf solche geostationären Satelliten aus. Potočnik veröffentlicht das Buch "Das Problem der Befahrung des Weltraums" 1929 unter dem Pseudonym Hermann Noordung.

Die Raumflug-Träume sind nun in Formeln gegossen. Was aussteht, ist deren erfolgreiche Verwirklichung. H. G. Wells Roman "Der Krieg der Welten" (1898) inspiriert den US-Amerikaner Robert Goddard. Er will zunächst die Feststoffraketen verbessern, um damit hohe Atmosphäreschichten zu erforschen. Dann experimentiert er mit flüssigem Treibstoff.

Benzin und Flüssigsauerstoff können nicht einfach in die Brennkammer fließen, sie müssen vielmehr hineingepresst werden. Goddard setzt auf Druckgas und Pumpen. Im März 1926 gelingt ihm in Auburn, Massachusetts, der weltweit erste Start einer Flüssigkeitsrakete. Flugdauer: 2,5 Sekunden. 1935 steigt eine Rakete Goddards bereits 2.300 Meter hoch. Eine andere durchbricht im gleichen Jahr erstmals die Schallmauer.

In Deutschland existiert seit 1927 der Verein für Raumschifffahrt (VfR). Zu seinen ersten Mitgliedern zählen neben Oberth unter anderem auch Valier, Potočnik und Pirquet. Auf einem einstigen Munitionsdepot in Reinickendorf wird der "Raketenflugplatz Berlin" eingerichtet. Hier können die Enthusiasten experimentieren, verschiedene Materialien und Kühlverfahren für die Brennkammern testen oder Treibstoffmischungen ausprobieren.

900 Kilo Sprengstoff

Der deutsche Techniker Johannes Winkler ist Mitbegründer und Vorsitzender des VfR. Trotz recht bescheidener Mittel gelingt ihm 1931 der erste Start einer Flüssigkeitsrakete in Europa. Flughöhe: 100 Meter. Wernher von Braun, ein ganz junger Student aus der Provinz Posen, arbeitet am Raketenflugplatz mit. Er träumt seit der Lektüre der Werke Vernes und Oberths vom Flug ins All. Nun sieht er seine Chance.

Der Versailler Vertrag will einer Wiederaufrüstung Deutschlands Schranken setzen; Raketen bleiben darin aber unerwähnt. Die Pioniere vom Raketenflugplatz kommen dem deutschen Militär daher sehr gelegen. Schließlich übersiedeln mehrere der Männer tatsächlich nach Kummersdorf, wo sie bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Von Braun wird mit der Leitung der dortigen Heeresversuchsstelle für Flüssigkeitsraketen betraut.