"Der Kugelbau enthüllt nicht nur die Lage der Baukunst, sondern er ist Signal eines noch allgemeineren Zustands der ‚Bodenlosigkeit‘, der in den verschiedensten Gebieten des Lebens und des Schaffens zu beobachten ist."

Abriss 1938

Sedlmayrs Diktion von Missbräuchen und pathologischen Neigungen, die der Bau widerspiegle, fügt sich nahtlos in die NS-Ideologie und gipfelt darin, dass er in seiner ideengeschichtlichen Herleitung auf den sowjetischen Künstler El Lissitzky rekurriert, mit der Beifügung "(ein Jude?)". Seine Thesen vom "Verlust der Mitte", d. h. des Menschlichen, fasst Sedlmayr später in einem gleichnamigen, überaus einflussreichen Buch zusammen.

1938 ließ die nationalsozialistische Stadtverwaltung das Dresdner Kugelhaus abreißen, zu sehr widersprach es den Stilvorstellungen der neuen Machthaber; Architekt Peter Birkenholz war zudem wegen seiner jüdischen Abstammung in Misskredit geraten.

Die Idee des Kugelhauses lebte andernorts weiter. Bereits 1928 war in Cleveland, Ohio, das "Cunningham Sanitarium", ein kugelförmiger, fensterloser Sanatoriumsbau eröffnet worden. In den 1950ern entstanden auch in Deutschland neue Kugelhäuser, denen weitere, teils berühmt gewordene Exemplare folgten, u. a. in Brüssel (Atomium) und Stockholm. Selbst in Dresden stellte man die Ursprungsidee erneut ins Rampenlicht. Am Wiener Platz, gegenüber dem Hauptbahnhof, eröffnete 2005 ein gläsernes, kugelförmiges Einkaufszentrum.

Österreich beschritt den erwähnten Sonderweg. Hier war die Spektakelumgebung des Wiener Praters zur Heimat eines Kugelhauses geworden. Kein leichter Kontext, um ernst genommen zu werden. So steht es seit fast vier Jahrzehnten am "Antifaschismusplatz", als Kunstwerk und kulturpolitisches Statement.

Nach dem Tod von Edwin Lipburger (2015) erinnert heute sein Sohn Nikolaus an die durchaus politische Ursprungsintention des Baus: "Es war eine Utopie, die mein Vater hier verwirklichen wollte: eine bewohnbare Holzkugel als Zeichen von Autonomie, Antibürokratie, Freiheit." Seit dem Vorjahr werden in "Kugelmugel" wieder Ausstellungen gezeigt und Kunstevents abgehalten. Die Kugel bleibt in Bewegung.