Die Hofgasse vom Schloss aus gesehen. - © Pinter
Die Hofgasse vom Schloss aus gesehen. - © Pinter

Die kann Kepler von seiner Wohnung aus nicht mitverfolgen. Abends verlässt er Linz, kurz bevor das Stadttor schließt. Mit seinen beiden Assistenten marschiert er über die hölzerne Donaubrücke und dann hinauf auf den 539 Meter hohen Pöstlingberg nordwestlich der Stadt. Das schwere Visier- und Winkelmessgerät wird im Mondschein aufgerichtet. Ein Bauer hält die Männer für Diebe. Er schreit sich heiser und schlägt zwei Stunden lang unaufhörlich die Torflügel seines Hofes zu. Ein Bote verständigt außerdem die Nachbarn.

Die Forscher fliehen, lassen sich danach aber erneut in einem Feld nieder. Feuer zu machen erscheint ihnen hier allzu gefährlich. Die Winkelmarkierungen am Instrument muss Kepler im Widerschein eines glühenden Stücks Kohle ablesen. Seine Assistenten halten es mit Zweigen und Spänen fest wie mit einer Zange. Schließlich legt sich der 44-jährige Astronom rücklings auf den Acker und schreibt seine Beob-achtungen mit Bleiweiß aufs Papier. Es ist vom Tau feucht geworden.

Zaubernde Lufthülle

Kepler hat einen guten Grund, ausgerechnet den Pöstlingberg zu wählen: Er will Sonne und Mond morgens gleichzeitig erspähen. Bei Mondfinsternissen ist das praktisch ein Ding der Unmöglichkeit, denn dann steht die Erde genau zwischen den beiden Gestirnen. Der Anblick an diesem Augustmorgen lässt sich leicht berechnen: Um Viertel nach Fünf Uhr Ortszeit hängt der untergehende Mond nur noch ganz knapp über dem Westhorizont. Die Sonne ist aber bereits mehrere Minuten zuvor im Osten aufgegangen: Rein geometrisch ist das nicht zu erklären.

Unsere Lufthülle "zaubert" jedoch und zieht die Gestirne scheinbar ein wenig zum Himmelsscheitel hinauf. Wir erblicken diese also ein wenig höher, als sie tatsächlich stehen. In Horizontnähe wirkt diese atmosphärische Refraktion (vgl. lat. frangere, brechen) stärker. Denn dort muss der Lichtstrahl einen bis zu 40 Mal längeren Weg durch die Luft zurücklegen. Weilen Sonne oder Mond in Wahrheit gerade vollständig unter dem mathematischen Horizont, erblicken wir sie dank der Refraktion gerade zur Gänze darüber. Am 27. August 1616 verfrüht sich der scheinbare Sonnenaufgang deshalb um dreieinhalb Minuten. Der Monduntergang verspätet sich ebenso.

Die Refraktion, also jenes atmosphärische Phänomen, das die Gestirne anhebt, bricht auch etwas Sonnenlicht in den dunklen Erdschatten hinein - und lässt einen total verfinsterten Mond erröten.

Für die meisten Zeitgenossen Keplers wirbelt der gesamte Kosmos noch immer tagtäglich aufs Neue um die Erde herum - mit all seinen Sternen, der Sonne und den Planeten. Die Erde ruht völlig unbeweglich in der kosmischen Mitte. Nikolaus Kopernikus stellte diese althergebrachte Sicht 1543 auf den Kopf: Er versetzte unsere Erde in tägliche Rotation und schickte sie auf jährliche Tour um die Sonne. Zunächst glauben nur wenige Gelehrte an eine sich bewegende Erde; Johannes Kepler und sein Zeitgenosse Galileo Galilei gehören zu diesem kleinen Kreis.

Selbst mit seinen Fernrohrbeobachtungen kann Galilei den kopernikanischen Weltenbau nicht schlüssig beweisen. Dennoch nehmen immer mehr Gelehrte seine Feder zur Richtschnur. Das wiederum missfällt katholischen Theologen; sie kennen mindestens drei Stellen der Heiligen Schrift, die - bei wortwörtlicher Auslegung - in Widerspruch zur kopernikanischen Kosmologie stehen. 1616 untersagt es der Papst, die Bewegung der Erde zu lehren, zu vertreten oder auch nur daran zu glauben. Auch einige Werke Keplers sind vom Verbot betroffen.