Schon seit Grazer Tagen beschäftigt ihn noch ein weiteres Rätsel: Die höchst ungleichen Bahnradien von Merkur, Venus, Erde, Mars Jupiter und Saturn. Die sechs Planeten brauchen auch verschieden lang für einen kompletten Sonnenumlauf: von 88 Tagen (Merkur) bis 29,5 Jahre (Saturn). Doch warum, so fragt sich Kepler, hat Gott die Planeten auf derart unterschiedlich weite Bahnen gesetzt, und wie hängt das mit ihren Umlaufszeiten zusammen? Ist darin ein göttliches Gesetz, eine geheime Botschaft versteckt?

Am 15. Mai 1618 entdeckt er in Linz eine verblüffende Beziehung. In vereinfachter Form: Umlaufszeit hoch 2 ist Bahnradius hoch 3 - wobei wir mit "Bahnradius" hier die große Halbachse der jeweiligen Bahnellipse meinen. Dieses 3. Gesetz wird es Astronomen später ermöglichen, das Sonnensystem genauestens zu vermessen.

Kepler selbst ist hingerissen und entzückt. Er meint, gewissermaßen Gottes Gedanken lesen zu können - und fügt die neue Entdeckung ins fünfte Buch seiner gerade in Druck befindlichen "Weltharmonik" ein: Sie befasst sich mit Musik, Arithmetik, Geometrie, Astrologie und Astronomie.

Triumph und Tragödie liegen im Leben Keplers oft nahe beisammen. So auch hier: Wenige Tage nach Entdeckung des 3. Planetengesetzes beginnt der Dreißigjährige Krieg. Das Reich muss nun Soldaten bezahlen, nicht Astronomen. Außerdem wird Oberösterreich ans katholische Bayern verpfändet: 1620 erreicht die Gegenreformation Linz.

Keplers Assistent

Noch davor, in der Nacht vom 20. zum 21. Dezember 1619, verfolgt Kepler abermals eine Mondfinsternis mit. Der Arzt Johann Springer überlässt ihm dafür seine Ordination. Sie befindet sich im Haus des Wolf Georg Gumminger, Hauptplatz Nr. 34. Die Glockenschläge des Linzer Rathauses, des Ständehauses, der Stadtpfarrkirche und des kaiserlichen Schlosses künden Kepler die Uhrzeit: Eine Viertelstunde vor Vier ist der Mond fast zur Gänze in den Erdschatten eingetaucht. Er steht jetzt im Westen, halbhoch über den Häusern auf der anderen Seite des Platzes. Diesmal fungiert der 28-jährige Janus Gringallet als Keplers Assistent. Der Calvinist hat in Straßburg studiert. Er wird zwei Jahre später in seiner Heimatstadt Genf sterben.

Kepler nützt diese und weitere Linzer Beobachtungen unter anderem, um die Mondbahn besser zu verstehen. Zur Erforschung der Himmelsmechanik sind ihm die Finsternisse überaus wichtig: Er rechnet 19 einschlägige Ereignisse der Antike nach - und alle, die seit seiner Geburt stattgefunden haben. Seine drei Gesetze erlauben es, den Lauf der Planeten mit einer bis dahin unerreichten Genauigkeit vorherzuberechnen. Diese Präzision wird später so manchen Kritiker der kopernikanischen Lehre verstummen lassen. Im Ringen um das richtige Weltbild sind Keplers Arbeiten ähnlich bedeutsam wie Galileis Fernrohrbeobachtungen.

Mittlerweile hat sich die Situation Katharina Keplers dramatisch zugespitzt. Nicht weniger als 49 Anklagepunkte liegen gegen sie vor - alles angebliche Hexereien. Johannes bangt um ihr Leben und ersucht, im Namen seiner Mutter darauf antworten zu dürfen. Um die abstruse Denkweise der Ankläger zu verstehen, liest er das dreiteilige Hexentraktat des spanischen Jesuiten Martin Delrio. Der Fanatiker hat auch an der Grazer Universität gelehrt.