Kepler agiert wie ein geschickter Strafverteidiger: Zunächst stellt er die Glaubwürdigkeit der drei Dutzend Zeugen in Frage und zeigt Widersprüche in deren Aussagen auf. Dann erklärt er die restlichen "Zaubertaten" mit ganz natürlichen Phänomenen. Schließlich bittet Johannes um ein Gutachten der juristischen Fakultät in Tübingen, wo man ihn noch aus Studententagen kennt. Möglicherweise wird es sogar von Christoph Besold erstellt: Der Freund und ehemalige Kommilitone lehrt dort Recht. Das Gutachten lässt die Androhung der Folter zu, nicht aber deren Anwendung. Die mittlerweile in Ketten gelegte, eingekerkerte Katharina gesteht selbst im Angesicht der Folterinstrumente nicht. Nach 14 Monaten Haft wird die 76-Jährige freigesprochen. Ihr Leben endet kurz danach.

Um weitere Missverständnisse zu vermeiden, fügt Kepler seiner Mondtraumerzählung nun zahlreiche erklärende Endnoten bei - damit ihr Text die Leser "mit weichem Arm umfange" und sich deren Stirn nicht gleich "in Falten legt". Das noch in Linz fertiggestellte Werk wird nicht mehr zu Keplers Lebzeiten gedruckt. Der Hofmathematiker dreier Kaiser stirbt, fast mittellos, am 15. November 1630 in Regensburg. Vier Tage später verfinstert sich erneut der Mond.

Blickrichtung Südost

Zurück in die Gegenwart: Am 27. Juli 2018 um 22.22 Uhr weilt die Mondscheibe fast genau im Zentrum des Erdschattens. Dort lenkt die Refraktion am allerwenigsten Sonnenlicht hin. Der kräftige, leicht rötliche Lichtpunkt unter ihm ist der Mars - jener Planet, der bei der Entdeckung der Keplerschen Gesetze die wichtigste Rolle spielte. Im Südwesten strahlt der Jupiter. Zwischen diesen beiden Planeten steht der Saturn. Die gleißende Venus, die zuvor den Westhimmel dominiert hat, ist zu dieser Stunde bereits untergegangen.

Die totale Phase währt diesmal länger als bei jeder anderen Mondfinsternis in diesem Jahrhundert. Nach 23.13 Uhr befreit sich der Trabant nach und nach aus unserem Schatten. 19 Minuten nach Mitternacht lacht wieder der komplette Vollmond auf uns herab. Selbst jetzt weilt das Gestirn allerdings noch in geringer Himmelshöhe. Ein Beobachtungsplatz mit wirklich freier Sicht nach Südosten ist daher Voraussetzung. Es muss ja nicht unbedingt der Pöstlingberg sein!