Die dünnen, dunklen Locken sind zerzaust, seine Nase trieft und auf dem T-Shirt zeigen sich die Spuren vom letzten Mittagessen. Der Dreijährige, der an der Hand seiner Großmutter Waita Curuvale hängt, wirkt wie ein ganz typischer Junge. Und doch liegt die Hoffnung von rund 450 Menschen auf seinen schmalen Schultern.

"Achtung, die künftigen Hüter des Drawa-Waldes sind unterwegs", schallt es uns entgegen, als wir mit ihm und seinem Freund durchs Dorf Batiri auf Fidschis zweitgrößter Insel Vanua Levu spazieren. "Stimmt", lacht Waita und fügt nachdenklicher hinzu: "Vorausgesetzt, wir überleben die nächsten 30 Jahre . . ."

Lebensader Regenwald

Die Weichen dafür sind gestellt. Vertreten durch die Drawa Block Forest Community Cooperative (DBFCC), in deren Vorstand Waita sitzt, haben acht indigene Chiefs der Region vor sieben Jahren beschlossen, 1548 ha ihres 4210 ha großen tropischen Regenwalds zu schützen und für CO2-Emissionshandel freizugeben. Auf Fidschi ist es das erste Projekt dieser Art.

"Der Wald ist unsere Lebensader", begründet Timoci Ratusaki, einer der Mataquali, wie die Chiefs auf Fidschi traditionellerweise genannt werden, die Entscheidung. Der bedächtige 87-Jährige mit dem verschmitzt-zahnlosen Lächeln hat sein ganzes Leben im Dorf Drawa direkt neben dem gleichnamigen Regenwald verbracht. Für ihn und seine Großfamilie, welche die Zehn-Häuser-Gemeinde bildet, ist der Regenwald seit Jahrhunderten Supermarkt und Erholungszentrum zugleich.

Drawa ist der Nährboden für endemische Pflanzen wie die Farnart Uto, deren grüne Blätter wir später als Suppe serviert bekommen. Er bietet fruchtbares Land, um Yams, Taro, Cassava und vor allem Yangona, aus dem später das Nationalgetränk Kava hergestellt wird, anzubauen.

Er ist Lebensraum für Wildschweine und Ursprung des Flusses, in dem Aale sowie andere Fische hausen und der den Menschen klares Trinkwasser spendet. Er sorgt für frische Luft zum Atmen und bietet Schutz vor Stürmen, Überschwemmungen sowie Dürreperioden, die in Zeiten des Klimawandels immer häufiger über Fidschi hereinbrechen.

"Unser Land und der Wald sind das Wichtigste für uns", betont der 35-fache Großvater nicht nur uns gegenüber, sondern jeden Montag in der Dorfversammlung, "Geld kommt erst an zweiter Stelle."

Diese Wertehierarchie scheint vielerorts in Vergessenheit geraten zu sein. Wie die meisten Regionen des Südpazifiks ist Drawa stark von Abholzung betroffen. Die einheimischen Bäume sind zu einem Großteil der wirtschaftlichen Notwendigkeit, etwa Schulgeld für die Kinder zu beschaffen, zum Opfer gefallen. Mit ihnen seien auch die Farne verschwunden, die nur unter diesen hohen, alten Bäumen wachsen, erzählt eine Sitznachbarin auf der Busfahrt nach Drawa, außerdem würden die Flüsse verschmutzt. Die kahlen Stellen am vorbeiziehenden Wald sind stille Zeugen ihrer Geschichte.

Der Vorsitzende des Fidschi-Dorfes Drawa zeigt das geschützte Regenwald-Gebiet. - © Doris Neubauer
Der Vorsitzende des Fidschi-Dorfes Drawa zeigt das geschützte Regenwald-Gebiet. - © Doris Neubauer

Um die 6000 ha bisher unberührten Regenwalds im Besitz der indigenen Mataquali vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, hatte schon in den späten 1990er Jahren die "Deutsche Gesellschaft für Entwicklungszusammenarbeit" den Wald erforscht, katalogisiert und die Familien der Region von nachhaltiger Forstwirtschaft überzeugt. Das Konzept brachte zwar den gewünschten Schutz der wertvollen Biosphäre, doch für die Dorfbevölkerung blieb die Frage offen, wie sie - ohne das Abholzen zu intensivieren - Geld verdienen sollte.

30 Jahre Projektdauer

Eine Frage, auf die die australische Organisation "Live and
Learn Environmental Education Fiji" eine Antwort wusste: 2012 trat sie an die Mataquali der fünf Dörfer heran und stellte ihnen die Möglichkeit vor, den Wald nicht durch Abholzung zu Geld zu machen, sondern sich vielmehr für dessen Erhaltung im Rahmen eines weltweiten "REDD+ Projekts" (REDD = reducing emissions from deforestation and forest degradation) entlohnen zu lassen.

Schließlich sind die weltweit vier Billionen Hektar Wald nicht nur reich an Biodiversität und stellen die Lebensgrundlage für geschätzt rund 500 Millionen Menschen. Sie absorbieren und speichern darüber hinaus gefährliche Treibhausgase. Diese wichtige Funktion wird im weltweiten Emissionshandel, der seit dem Pariser Abkommen COP21 offiziell als wichtige Maßnahme im Klimaschutz anerkannt ist, finanziell abzugelten versucht.

"Wenn wir unsere Bäume fällen, bekommen wir nur einmal das Geld", kam für Timoci Ratusaki das Angebot wie eine Antwort auf seine Gebete, "und so bewahren wir nicht nur unsere natürliche Ressource, sondern erhalten darüber hinaus monatlich Geld aus der Klimakompensation. Es ist ein sauberer Verdienst." Mit diesem sollen seine Nachkommen nicht nur weiterhin vom Land und dem Wald leben können, sondern sich während der Projektdauer von 30 Jahren auch Bildung, fließendes Wasser und andere Annehmlichkeiten ermöglichen können. Doch bis er und die anderen Mataquali, die seinem Vorbild folgten, dieses Geld erstmals in Händen halten konnten, sollte es noch eine Zeitlang dauern. Erst nach sieben Jahren erhielt Ratusaki die ersten Zahlungen in der Höhe von umgerechnet rund 856 Euro ausbezahlt.

Keine Wald-Beziehung

Es waren nervenaufreibende und doch wichtige Jahre: Im ersten Schritt musste nämlich das Projekt, das zwischen 2012 und 2015 von der Europäischen Union gefördert wurde, innerhalb der Dorfgemeinschaft auf eine breite Basis gestellt werden. Dafür wurde eben die Community-NGO Drawa Block Forest Community Cooperative gegründet, die sich mittlerweile um sämtliche Belange der nach "Pan Vivo Standards" zertifizierten Klimakompensation kümmert.

Außerdem wurden alle Mitglieder der Dörfer in die Planung eingebunden und zu zahlreichen Workshops eingeladen, in denen sie mit der Organisation "Live and Learn" gemeinsam die Wichtigkeit ihrer natürlichen Ressourcen erarbeiten konnten. "Wir hatten keine Beziehung mehr zu unserem Wald", ist der fünfzigjährigen Waita im Nachhinein die Entfremdung bewusst. Ihr Dorf Batiri liegt an der Straße und profitiert infolgedessen nicht mehr so stark vom Pflanzen- wie Tierreichtum Drawas. "Wir hatten Glück, dass das Projekt zu uns gekommen ist und uns die Bedeutung des Waldes wieder ins Bewusstsein gebracht hat."

Es ist nicht das Einzige, worauf die Dorfbewohner aufmerksam wurden. Zwar hatten sie gemerkt, dass die Trockenzeiten immer länger dauerten und dort, wo ihre Vorfahren noch Fische fanden, heute nur noch Leere herrscht. "Wir wussten, dass sich die Dinge verändert haben", berichtet die zweifache Mutter, "aber für uns war das mittlerweile normal. Erst als sie uns den Klimawandel erklärt hatten, machte alles Sinn. Jetzt schützen wir unseren Wald, um den Klimawandel aufzuhalten. Ich wünschte, andere würden das auch tun und nicht weiter abholzen."

Dass es für sie und die Bewohner der restlichen Dörfer die richtige Entscheidung war, davon ist nicht nur Waita überzeugt. Auch ihre Nachbarn, die sich anfangs über ihr Engagement für DBFCC lustig gemacht hatten, sehen mittlerweile das Potenzial des Projekts. "Wir hatten Glück, wir bleiben von Stürmen verschont", meint Waita sogar eine Bestätigung von ganz oben zu spüren: "Gottes Augen liegen auf dem Wald. Er sieht, dass wir ihn erhalten möchten - für eine bessere Zukunft unserer Kinder und der Kinder dieser Welt."

Willie Kenneth zeigt anhand einer Tafel, wo auf Vanuatu-Inseln gefischt werden darf - und wo nicht. - © Doris Neubauer
Willie Kenneth zeigt anhand einer Tafel, wo auf Vanuatu-Inseln gefischt werden darf - und wo nicht. - © Doris Neubauer

Nicht allen ist das Schicksal so gewogen wie Waita und den Bewohnern der Drawa-Region. Auf den beiden Nachbarinseln Nguna sowie Pele in Vanuatu machen sich die negativen Auswirkungen des Klimawandels seit Jahren bemerkbar. "In meiner Kindheit war das hier alles Land", erzählt Willie Kenneth und deutet aufs türkisfarbene Wasser unter uns, "der Meeresspiegel steigt stetig, und wir sehen viele Erosionen."

Sein Schwager, der das Motorboot Richtung Pele steuert, nickt bestätigend. Doch nicht nur Erosionen machen die klimatischen Veränderungen deutlich - Dürreperioden, gefolgt von heftigen Regenfällen und Überschwemmungen gefährden die Lebensgrundlage der rund 1500 Bewohner der Inseln, die von Landwirtschaft und Fischfang abhängig sind.

Der bisherige Höhe- oder vielmehr Tiefpunkt wurde am 14. März 2015 erreicht: Wirbelsturm Pam erschütterte einen Großteil der 83 Inseln Vanuatus und richtete Schäden in Millionenhöhe an. Auch Nguna und Pele nördlich von Vanuatus Hauptinsel Efate waren betroffen. "Am nächsten Tag bin ich zu meinen Korallenkäfigen getaucht, die ich 2013 gepflanzt hatte", erzählt Willie Kenneth, als wir in seinem Heimatdorf Worasiviu angelangt sind, "sie hatten den Wirbelsturm überlebt. Aber an der Grenze zum offenen Meer sind einige abgebrochene Stücke herumgetrieben. Wir haben heute noch einige Reste von Pam im Wasser. Bis sich alle Korallen erholen, dauert es eine Weile - aber die Korallenriffe kommen zurück."

Schon 1995 hatten die Chiefs von Pele und Nguna beschlossen, zum Wohl der Umwelt gemeinsame Sache zu machen: Zuerst beschränkte sich die Zusammenarbeit auf ein Verbot, die gefährdeten Wasserschildkröten zu töten. Bald darauf etablierten einige der Dorfgemeinschaften zum Schutz der restlichen Meerestiere No-Take-Reservate, sogenannte Tapu-Zonen, entlang der Küste. Um ihre Kräfte noch besser zu bündeln, schlossen sich die vier Chiefs von Piliura, Worearu, Unakap und Taloa kurze Zeit später in einem informellen Netzwerk zusammen.

"Die Augen aller Dorfbewohner sind aufs Meer gerichtet ..." - © Neubauer
"Die Augen aller Dorfbewohner sind aufs Meer gerichtet ..." - © Neubauer

Der Plan ging auf. Heute umfasst das "Nguna-Pele Marine and Land Protected Area Network" 16 indigene Communities, die sich für den Schutz ihrer Wälder und Riffe einsetzen. Ob Korallengarten, regelmäßige Strand-Aufräumaktionen oder der Bann bestimmter Fischereimethoden - welche Maßnahmen getroffen werden, das definieren die Chiefs und die jeweilige Dorfgemeinschaft. Für die Implementierung sowie das Management dieser Maßnahmen sind vor Ort "Local Champions" zuständig, die von der Bevölkerung gewählt werden.

Korallengärtner Willie Kenneth ist einer davon. Seitdem er 2003 zum ersten Mal mit einem Meeresbiologen, der als Peace-Corps-Volunteer auf Pele stationiert war, zusammengearbeitet hat, lässt ihn die Materie nicht mehr los. "In Worasiviu haben wir ein dreistufiges Meeresschutzgebiet errichtet", sagt er, springt auf und zeichnet eben jenes zum besseren Verständnis auf eine Tafel, "die traditionelle Tapu-Zone, in der der Chief zu bestimmten Anlässen das Fischereiverbot aufhebt, eine permanente No-Take-Konservierungszone und einen Bereich, in dem ohne Einschränkung gefischt werden darf."

Zumindest im eigenen Dorf trägt das Engagement des begeisterten Tauchers und Speerfischers Früchte: "Die Augen aller Dorfbewohner sind aufs Meer gerichtet", meint der schlaksige Mann mit dem grau melierten Bart auf die Frage, wer die Einhaltung der Richtlinien kontrolliere: "Es hat einige Jahre gedauert, bis wir sie davon überzeugt haben. Mittlerweile respektiert die Gemeinde aber die Regeln." Nicht uneigennützig, profitiert sie doch von einem gesunden Meer. "Die Ressourcen aus dem Ozean liefern uns als Küstengemeinde Nahrung und bringen zusätzliches Einkommen, wenn wir unsere Meerestiere auf dem Markt verkaufen", sagt Willie Kenneth, "außerdem ist es gut für den Tourismus, wenn Gäste in gesunden Riffen mit vielen Fischen schnorcheln können."

Noch haben nur wenige Gemeinden diese Vorteile erkannt, muss der zertifizierte Tauchlehrer, der nebenbei Bungalows an Gäste vermietet, zugeben. "Nur sechs unserer Communities haben konkrete Management-Pläne fürs Meer, alles steht und fällt mit Menschen, die sich in ihrem Dorf engagieren. Diese zu finden, das ist im Moment unsere größte Herausforderung." Einerseits ziehen immer mehr ni-Vanuatus, wie die Einwohner des Pazifikstaats genannt werden, zum Geldverdienen in die Hauptstadt Port Vila oder gar ins Ausland.

Andererseits muss man sich zeitaufwändiges, freiwilliges, sprich unentgeltliches Engagement erst einmal leisten können - buchstäblich. Um mehr Menschen und vor allem die Jugend zu motivieren, führen Willie Kenneth und andere Mitglieder des "Nguna-Pele Marine and Land Protected Area Networks" in unregelmäßigen Abständen Workshops durch, in denen sie bewährte Methoden des Meeresschutzes zeigen.

Gegen invasive Spezies

"Nach Pam haben wir den Küstengemeinden gezeigt, wie sie den invasiven Dornenkronenseestern von ihren Riffen entfernen", nennt der Mittvierziger ein Beispiel eines solchen Trainings. Schließlich sind die Erhöhung der Wassertemperatur, die zunehmende Versäuerung der Meere und andere Auswirkungen des Klimawandels nicht die einzigen Gefahren für dieses sensible Ökosystem. In Worasiviu hatte die Dorfgemeinschaft 2013 durch die invasive Spezies, die sich von Steinkorallen ernährt, 90 Prozent eben dieser verloren.

Um nicht noch größeren Schaden zu erleiden, spuckten Willie und seine Leute in die Hände. In einer groß angelegten Sammelaktion holten sie 250.000 Dornenkronenseesterne aus dem Wasser. "Ich war einer der Zählenden", muss es der Local Champion wissen, und fügt hinzu: "Um aus den toten Seesternen noch etwas Gutes herauszuholen, haben wir sie in einem Testlauf mit Erde vermischt und als Dünger für unsere Gärten verwendet." Dieser Einsatz hat sich als genauso erfolgreich herausgestellt wie die Entfernaktion selbst: Mittlerweile gibt es in Worasiviu keine Dornenkronenseesterne mehr - und die Steinkorallen sind wieder nachgewachsen.

Best-Practises-Katalog

Ob gebleichte Korallen, Plastikmüll oder die genannten Dornenkronenseesterne - über die Jahre hat das "Nguna-Pele Marine and Land Protected Area Network" unterschiedliche Ansätze unternommen und diverse Methoden erprobt, solchen Herausforderungen Herr zu werden. Jetzt werden erstmals die Erkenntnisse zusammengefasst. Gemeinsam mit der Regierung und nationalen wie internationalen Organisationen arbeitet das Netzwerk im Projekt "RESCCUE" daran, die effektivsten Best Practises zu beschreiben und je nach Problemstellung einen Katalog an bewährten Maßnahmen zu liefern.

"Die Community kann aus der Liste den Lösungsansatz wählen, der für sie am besten passt", erklärt Willie Kenneth das Prinzip und hofft, so die Arbeit für die Dorfgemeinschaften zu erleichtern. Das erste Gemeinschaftswerk zum Meeresschutz wurde Anfang August der Öffentlichkeit präsentiert. Weitere Toolkits zu erprobten Methoden der Nahrungssicherung oder der Landwirtschaft werden folgen.

Bald sollen diese Best-Practises sämtlichen Communities in Vanuatu und vielleicht auch auf anderen Pazifikinseln zu Verfügung stehen. "Wir alle müssen unsere Erkenntnisse teilen, voneinander lernen und uns gegenseitig unterstützen", kann das für Willie Kenneth nicht schnell genug gehen. Er bringt auf den Punkt, was nicht nur für die Bewohner der Pazifikinseln gilt: Ob Waldhüter oder Meeres-Champion: "Jeder Einzelne ist gefragt."