Nach Philippe II. war er zweitmächtigster Mann Frankreichs ("L’économie c’est moi!"). Mit der Compagnie d’Occident und Law als Hauptaktionär sollte die Staatsschuld durch attraktive Aktienangebote abgetragen werden. Law brachte durch die Notenpresse viel billiges Geld unter die Leute und erwarb zusätzlich Handelsrechte anderer Kompanien in Afrika, China und Indien. Als Direktor der Mississippi-Kompanie verband er die Französische Ost- mit der Westindien-Kompanie, wodurch ein kompliziertes Geflecht des französischen Außenhandelsmonopols entstand. Law wurde schwerreich. Viele Privatanleger versprachen sich attraktive Investments, beseelt vom Glauben, u.a. durch Goldfunde in Louisiana zu verdienen, ohne das Land jemals gesehen zu haben. Als sich herumsprach, dass es dort nichts davon gab, sondern nur ein paar hundert Kolonisten, und darüber hinaus der Regent seine Unterstützung offen ließ, wurde das Geschäftsmodell fraglich. Die Anleger verkauften ihre Aktien weiter.

Die Genfer Demoiselles

Daran hatte Law nicht gedacht. Er verlor die Nerven und verließ Hals über Kopf das Land, um der Lynchjustiz zu entkommen. In Venedig handelte er noch mit Gemälden. Mit seinem Vermögen entschädigte er die Kompanie. Das Bild vom Schwindler ist zudem unzutreffend: Law hatte mit seinem verschachtelten System aus Bank und Kompanien die Finanzen des Staates nicht völlig ruiniert. Es war ein Nullsummenspiel. Der Schuldenstand der französischen Krone war nicht höher als vor 1716. Mit dem massiven Notenumlauf entstanden Infrastrukturprojekte. Reiche wurden jedoch ärmer. Edelmetallgeld kam wieder auf - und das Misstrauen gegenüber Papiergeld schwand in Frankreich nie mehr gänzlich.

In Frankreich blieben die Staatsfinanzen ein Dauerproblem. Ludwig XVI. musste die Generalstände einberufen, um sein Versprechen einzulösen, Zahlungsverpflichtungen einzuhalten und neue Einkommensquellen zu erschließen. Das sollte u.a. durch Leibrenten geschehen, wobei der Käufer dem Staat Geld lieh, wofür er jährlich einen Teil der Summe zurückerhalten sollte. Je älter der Käufer wurde, desto höher fiel die jährliche Auszahlung aus.

Das System ging auf den italienischen Finanzier Lorenzo Tonti (1630-1695) zurück. In einer "Tontine" fassten mehrere Anleger ihr Kapital zusammen. Starb ein Anleger, wurde seine Leibrente an die Überlebenden gezahlt. Wer alle Partner überlebte, erhielt alle Leibrenten - was die Mordlust stimulierte. Das war Glücksspiel, Lebensrisiko und Wertanlage in einem.

In den 1770er Jahren gingen Schweizer Banker jedoch dazu über, Leibrenten im Namen anderer langlebiger Personen zu erwerben. Besonders Gerissene nahmen junge Mädchen zwischen vier und sieben Jahren, denn die meisten Kinderkrankheiten traten bei den Unter-Dreijährigen auf. Ganz raffinierte Genfer Banker wählten 30 Mädchen aus und verwandelten sie in ein Finanzpaket für den französischen Staat: Der sollte die Leibrenten so lange auszahlen, bis das letzte Mädchen das Zeitliche segnen würde. Geschätzte 75 Prozent der Leibrenten liefen damals auf Kleinkinder.

Dieses Konzept ging bis zu dem Tag auf, als Frankreich die aufgrund der teuren Revolutionskriege verursachten, der Öffentlichkeit jedoch unbekannten Schulden durch dieses Verfahren nicht mehr begleichen konnte und zwei Drittel einfach strich.

Statt einer individuellen Anlage für Bürger waren die Leibrenten längst zum Spekulationsobjekt geworden, die das Staatsbudget noch mehr belasteten. Banken in Frankreich und Einzelpersonen hatten die "Trente Demoiselles de Genève" auf breitester Ebene nachgeahmt und das Modell so exzessiv ausgenutzt, dass sie damit die Verbindlichkeiten der Krone noch mehr steigerten und das Ende des Ancien Régime beschleunigten. Die Staatsschulden verfielen, als die Währung im Lauf der Revolution zusammenbrach.