In westlichen Gesellschaften gilt Reinheit als zivilisatorisches Ideal. Als Europäer sind wir stolz auf unseren sauberen Kontinent, rümpfen dafür anderswo oft und gerne die Nase. Schmutzige Straßen oder Hotelzimmer sind uns ein Gräuel. Sauberkeit erachten wir als Beweis kultureller Vormacht. Doch wer macht unser blitzeblankes Europa eigentlich sauber? Dem strahlenden Ideal absoluter Reinheit steht das Putzen als recht unbeliebte Arbeit gegenüber. Wer putzt schon gerne selbst? Und wer kennt mehr als den Namen und die ungefähre Herkunft der Putzfrau?

Das Interesse an jenen zehntausenden Menschen, die Europas Sauberkeit gewährleisten, ist gering, denn Reinemachen gilt als minderwertige Arbeit. Wer für andere putzt, tut dies gezwungenermaßen, weil sie (oft) oder er (fast nie) nichts anderes kann, so die gängige Meinung. Das Putzen gilt als eine der niedrigsten Arbeiten, weil dafür keine Kompetenzen erforderlich sind. Man verdient damit weder gutes Geld noch Anerkennung.

In Internaten oder beim Militär wird das Reinigen von Tischen, Geschirr oder auch von Gemeinschaftstoiletten gerne als Strafe eingesetzt. Während des Nationalsozialismus wurden Menschen dazu gezwungen, Straßen mit Handbürsten zu reinigen. Putzen wurde und wird somit bewusst als politischer Akt der Erniedrigung eingesetzt.

Selbst ein Wirtschaftsfaktor: das große Arsenal an Putzmitteln- und -utensilien. - © ulrike koeb
Selbst ein Wirtschaftsfaktor: das große Arsenal an Putzmitteln- und -utensilien. - © ulrike koeb

Rituelle Dimension

Entgegen so mancher (zumeist männlicher) Meinung ist das Putzen aber keine einfache Aufgabe. Es erfordert Wissen, technisches und soziales Verständnis - und es setzt die Kenntnis kultureller Überlieferungen und Gepflogenheiten voraus. Rund ums Putzen haben sich unzählige Gewohnheiten, Techniken und Rituale entwickelt, zu deren Durchführung neben praktischen Kompetenzen und Erfahrung vielfältige Mittel wie Geräte, Apparate, Bürsten, Puder, Flüssigkeiten, Cremen und Pasten nötig sind.

Saubermachen ist auch deswegen ein wichtiger Faktor in der Konsumgesellschaft, da die verwendeten Werkzeuge, Mittel und Ausführenden Teil eines globalen Wirtschaftszweiges sind - und natürlich ist das Putzen Ausdruck von Hierarchie und Status. Es tangiert politische Themen wie die Diskriminierung der Frau, Migration und Umweltschutz. An der Art und Weise des Putzens - oder Putzen-Lassens - manifestiert sich der Zugang von Personen und Gesellschaften zu ihren Mitmenschen und zur Natur. Und als tagtägliche, profane Fortführung uralter, religiöser Reinigungsrituale kann auch das heutige Putzen eine gewisse symbolische und rituelle Dimension nicht leugnen.

Was als sauber erachtet wird und was nicht, ist eine Frage von Kultur und Zeitgeist - und hängt unter anderem vom jeweils aktuellen Stand der Wissenschaft ab. Robert Koch erkannte 1884, während einer Reise nach Kalkutta, dass menschlicher Kot Cholerabakterien als Überträger dient.