Diese Entdeckung des späteren Nobelpreisträgers veränderte den kulturellen Umgang mit Sauberkeit nachhaltig. Der französische Philosoph Michel Foucault beschreibt die darauf folgende hygienische Revolution Ende des 19. Jahrhunderts als einen der wichtigsten Wendepunkte in der jüngeren gesellschaftlichen Entwicklung der westlichen Zivilisation.

Die Idee der realen Sauberkeit löste als kulturelles Konzept jenes der religiösen Reinheit ab. Städte, Straßen, Wasser, Luft und Eigenheime werden seither so sauber wie möglich gemacht. Unablässig fließt Wasser, um Schmutz zu binden und abzutransportieren. Dauerhaftes und ständig wiederholtes Reinigen garantiert ein besseres Leben, denn Sauberkeit wird mit Gesundheit und Zivilisation gleichgesetzt.

Schmutz ist relativ

Doch was ist Schmutz eigentlich? - Es ist alles, was einem reinen Zustand im Wege steht. Schmutz ist das, was irgendwo nicht hin- oder nicht dazugehört. Schmutz ist zumeist eine Ansammlung von Kleinteilchen, die von außen auf Oberflächen und Gegenständen zu liegen oder haften kommen, und zu diesen Gegenständen und Oberflächen per Definition nicht gehören.

Das Autorenpaar bei einer Putzaktion bei den institutionalisierten Saubermachern der Stadt Wien. . . - © Stummerer/Hablesreiter/Köb/Akita
Das Autorenpaar bei einer Putzaktion bei den institutionalisierten Saubermachern der Stadt Wien. . . - © Stummerer/Hablesreiter/Köb/Akita

Ein Fusel auf einem Pullover ist möglicherweise lästig, aber letztlich noch kein Schmutz, ein Wollfusel eines anderen Kleidungsstückes aber möglicherweise schon. Schmutz ist also ein Fremdkörper, etwas, das von woanders her stammt, abgetrennt (auch aus der Natur), zumeist zerkleinert und vermischt, nicht zum fraglichen, das heißt nun: schmutzigen Gegenstand dazugehört.

Wie relativ Schmutz aufgrund dieser Definition ist, zeigt der sogenannte Gatsch: Im Außenbereich, im Garten oder am Feld, vermittelt feuchte Erde einen positiven Eindruck. Es handelt sich um fruchtbaren Boden. Anders verhält es sich bereits auf Wegen oder Straßen. Hier ist der Humus unwillkommen, denn der Weg ist zum Begehen oder Befahren da, nicht aber zur Bepflanzung. Infolgedessen watet man auf einem schlammigen Weg - sprachlich betrachtet - nicht in "feuchter Erde", sondern im "Dreck". Noch extremer und eindeutiger wird es im Wohnbereich: Dort ist der "Gatsch" ganz klar Schmutz, der schleunigst entfernt werden muss.

Schmutz ist grundsätzlich relativ, denn er braucht ein übergeordnetes System von Ordnung, auf das er sich bezieht, um überhaupt als solcher wahrgenommen zu werden. Schmutz ist etwas, "das fehl am Platz ist", dem akkordierten Ordnungssystem widerspricht. Ein Reiskorn am Teller ist Essen. Bereits am Tischtuch oder Teppich verändert sich seine Funktion - und tendiert in Richtung Schmutz.

Die britische Sozialanthropologin Mary Douglas beschreibt Schmutz als Nebenprodukt eines systematischen Ordnens und Klassifizierens von Sachen, wobei Ordnen das Verwerfen ungeeigneter Elemente einschließt. Unsauberes oder Schmutz ist demnach das, was entfernt werden muss, um eine vordefinierte Ordnung, ein gewünschtes Muster, aufrechtzuerhalten.