Kulturelles Konstrukt

Insofern ist die Definition von Schmutz ein soziales und kulturelles Konstrukt. Unterschiedliche Epochen, soziale Schichten und Kulturen definieren ihn jeweils anders und verfolgen demnach verschiedene Reinheitsgewohnheiten. Diese werden wiederum innerhalb des jeweiligen Sozialgefüges als selbstverständlich und naturgegeben erachtet. So bleiben in Indiens Großstädten etwa Kuhfladen liegen, um alsbald, von der heißen Sonne getrocknet, als Brennmaterial zum Kochen verwendet zu werden. Auf Wiens Straßen ist Kot undenkbar - es sei denn, er stammt von Hunden. Obwohl sich mittlerweile manches verändert hat, erkennen manche Besitzer der Vierbeiner den Kot ihrer geliebten Tiere noch immer nicht als Schmutz an und lassen ihn daher auf Gehwegen liegen.

Dennoch herrscht in westlichen Industriestaaten generell die Meinung vor, dass unsere Idee von Schmutz rational ist, also logischen Überlegungen folgt und auf wissenschaftlichen Grundlagen fußt. Doch sowohl die Beurteilung von Schmutz, als auch die Art des Saubermachens folgt viel eher Gewohnheiten und Traditionen als rationalen Erkenntnissen. Wenn wir zum Beispiel durch eine Straße gehen, die stark nach Pferdeurin oder Hundekot riecht, verspüren wir danach eher das Bedürfnis, uns die Hände zu waschen, auch wenn wir absolut nichts berührt haben, als die Sohlen unserer Schuhe zu reinigen, die wir bedenkenlos innerhalb der Wohnung abstellen. In Japan, wo Schuhe grundsätzlich vor der Tür ausgezogen und gelagert werden, stößt dieses Verhalten bestenfalls auf Unverständnis.

Schließlich verrät das Konzept von Schmutz und dessen Beseitigung einiges über Lebensart und Verhalten einzelner Personen; es trägt zum sozialen Gefüge bei und beeinflusst die Beziehungen von Menschen untereinander. Wie viele Wiener Paare kennen die potenziell aggressiv geführten Diskussionen über die hygienische Lage der gemeinsamen Wohnung!? Auch anstehende Besuche mehr oder weniger wohlmeinender Verwandter beeinflussen diese Debatten tendenziell negativ. Kritische Blicke in Richtung Staub oder Schlieren vermögen einfach mehr zu verunsichern als etwa das Räuspern während des Verzehrs eines verbrannten Grillguts.

Während der Braten oder das Dessert als ganzer Stolz der Hausfrau oder des Hausmannes und als Resultat von deren Arbeit präsentiert werden, erntet der oder die Putzende keinerlei Applaus. Sauberkeit ist selbstverständlich. Bloß der Dreck erregt die Gemüter. Insofern ist der Wille zur Verrichtung der harten Arbeit Putzen eher gering ausgeprägt. Wer (finanziell) kann, lässt saubermachen. Jene, die diesen Job erledigen, sind im Regelfall weiblich, stammen selten aus westlichen Ländern und arbeiten meistens schwarz. Mittlerweile migrieren deutlich mehr Frauen als Männer in die EU, um zu putzen und zu pflegen.