Auch wenn ewiges Leben wohl für immer eine Utopie bleiben wird, könnten die Fortschritte in der Biomedizin zu einer signifikanten Erhöhung der Lebenserwartung führen. Doch die Frage ist, ob diese Entwicklung überhaupt mit der Komplexität einer modernen Gesellschaft kompatibel ist. Wollen wir so lange leben? Und vor allem: Was wären die Implikationen?

Einmal angenommen, der Mensch würde 500 Jahre alt werden, wie Marris prophezeit. Es gäbe ein menschliches Ersatzteillager, wo man sich eine neue Leber oder Niere im 3D-Druck-Verfahren ausdrucken könnte. Die Gesellschaft bestünde aus jugendlichen Mitthundertern, verrenteten Zweihundertjährigen und greisen Dreihundert- und Vierthundertjährigen. Wie müsste der Arbeitsmarkt organisiert werden? Würden Maschinen die Renten erwirtschaften? Bräuchte es einen neuen Sozialvertrag zwischen Mensch und Maschine?

Zerstörte Hierarchien

Wie würde eine demokratische Wissens- und Erinnerungsgesellschaft aussehen, in der Computer alles speichern? Bedeutete lebenslanges Lernen automatisch maschinelles Lernen? Wie funktional wären Institutionen wie Parlamente, Wahlen, Vereine? Welche Bedeutung würde eine Ehe haben, wenn sich Menschen bereits in 80 Jahren fünfmal scheiden lassen?

Wie würde sich der Wertewandel, nach dem deutschen Soziologen Niklas Luhmann ein konstitutives Merkmal sozialer Systeme, vollziehen, wenn der Generationenwechsel nicht mehr alle 30, sondern nur noch alle 300 Jahre stattfinden würde? Wäre eine Gesellschaft imstande, sich und ihre Wertesysteme zu erneuern? Oder würde sie geistig stillstehen und sich über Jahrzehnte um die eigene Achse drehen? Der US-amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama schreibt in seinem 2002 erschienenen Buch "Das Ende des Menschen", dass die Verlängerung des menschlichen Lebens dramatische Folgen für die innere Struktur der Gesellschaften haben werde. Sie werde die nach Alter gestuften Hierarchien zerstören.

Die natürliche Tendenz einer Generation, der nachfolgenden Generation Platz zu machen, werde durch die "simultane Präsenz von drei, vier und sogar fünf Generation zur gleichen Zeit" ersetzt, schreibt Fukuyama.

Der Politologe verweist auf die zerstörerischen Folgen nach Alter gestufter Hierarchien in autoritären Regimen wie Kuba oder Nordkorea, wo Diktatoren auf Lebenszeit ernannt werden und dynastische Strukturen einen politischen Wandel verhindern. Man stelle sich vor, Fidel Castro wäre nicht 90, sondern 200 Jahre alt geworden. Dies hätte den Reformprozess um Jahrzehnte verzögert.

"In einer Zukunft, in der sich die Lebenserwartung durch technische Entwicklungen noch weiter verlängert hat, werden solche Gesellschaften nicht nur für Jahre, sondern für Jahrzehnte durch ein absurdes Warten auf den Tod blockiert sein", prophezeit der Autor.

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Aber nicht nur in autoritären Regimen, sondern auch in Demokratien könnte die Erhöhung der Lebenserwartung zu verknöcherten Strukturen und gesellschaftlichen Pathologien führen.