Zwar existieren in demokratischen Gesellschaften institutionelle Mechanismen zur Abberufung politischer und wirtschaftlicher Eliten. Wahlen verleihen Macht auf Zeit. Doch würden sich die Zyklen der Abwahlprozesse massiv verzerren. Womöglich wäre der Gesetzgeber gezwungen, die Legislaturperiode auf zwanzig Jahre zu erhöhen, um der höheren Lebenserwartung Rechnung zu tragen.

Eine für die Gesellschaft so vitale Funktion wie der Elitenaustausch würde sich um Jahrzehnte nach hinten verschieben. Ganze Generationen wären im Wartestand, müssten hunderte Jahre ihrer Chancen harren. Je weiter der Tod in die Zukunft verlagert wird, desto weiter werden gesellschaftliche Versprechen hinausgezögert. Das erzeugt Frust und Fliehkräfte, die eine demokratische Gesellschaft moderieren müsste. Man muss sich vor Augen führen, was eine Lebenserwartung von 150, 300 oder gar 500 Jahren angesichts des immer schneller voranschreitenden technischen Fortschritts für das Individuum bedeutete: Es gäbe Menschen, die mehrere Epochen, Kriege, Krisen und Katastrophen erlebten. Der Rucksack der Erinnerungen und traumatischen Erfahrungen würde mit der Zeit immer schwerer.

Kann man das Erlebte vergessen, wenn digitale Speichermedien jedes Ereignis archivieren? Lässt sich das Erinnerungsvermögen wie eine Festplatte fragmentieren? Ist Altern nicht eine Hypothek, weil es das Leben mit dem Vergangenen belastet?

Der Tod der Liebe

Viktor Mayer-Schönberger schreibt in seinem Buch "Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten", wie wichtig die Fähigkeit zum Vergessen für moderne Gesellschaften und Geschichte ist. Die totale Erinnerung würde uns in psychische Konflikte stürzen und uns handlungsunfähig machen. Die Halbwertszeit des Organismus lässt sich künstlich in die Länge ziehen. Aber ist der Geist für mehrere biologische Leben gemacht?

In ihrem Buch "Alle Menschen sind sterblich" erzählt Simone de Beauvoir die fiktive Geschichte des Raymond Fosca. 1279 geboren, steigt er zum Fürsten des italienischen Stadtstaats Carmona auf. Eines Tages bietet ihm ein Bettler einen Zaubertrank an. Er trinkt von dem Lebenselixier und wird unsterblich. Fosca festigt seine Macht, doch nach dem Tod seiner Familie vereinsamt er. Als Solitär durchquert er die Epochen der Weltgeschichte: Er lebt bei einem Abenteurer in Amerika, dient am Hofe Karl V. und kehrt im 18. Jahrhundert nach Frankreich zurück. Dort trifft er die bürgerliche Marianne, die die literarischen Salons frequentiert. Fosca verliebt sich in die Frau. Als sie aber von seiner Unsterblichkeit erfährt, ist Marianne konsterniert: Sie ist bloß eine kurze Episode in Foscas Leben.

Die Moral von der Geschichte ist, dass Unsterblichkeit die Liebe sterben lässt. Dabei ist es ja gerade die Vergänglichkeit, welche dem Bund fürs Leben ("Bis dass der Tod sie scheidet") seine existenzielle Bedeutung verleiht. Die Transhumanisten, die den Menschen befreien wollen, machen ihn zur Geisel seiner eigenen Geschichte.

Es sind vor allem die Allmachts- und Kontrollphantasien einer techno-autoritären Clique im Silicon Valley, den Menschen biopolitisch beherrschbar und das Humankapital auf Ewigkeiten verfügbar zu machen. Es könnte eine Art Totalitarismus der Zeit entstehen, in dem Lebensphasen mit totaler Bedeutungslosigkeit aufgeladen werden und das Individuum auf sein mechanisches Uhrwerk reduziert wird. Wer den Tod abschaffen will, schafft letztlich auch die Menschlichkeit ab.