War ein Theoretiker der ideologischen Unterwerfung des Subjekts - und verstand sein Leben als Selbstzerstörungsprozess: Louis Althusser (1918-1990), hier im Jahr 1978. - © Gamma-Rapho via Getty Images
War ein Theoretiker der ideologischen Unterwerfung des Subjekts - und verstand sein Leben als Selbstzerstörungsprozess: Louis Althusser (1918-1990), hier im Jahr 1978. - © Gamma-Rapho via Getty Images

"Von Anfang an habe ich mich hinsichtlich der Philosophie unwiderruflich in einer kritischen, ja destruktiven Position gesehen", schrieb Louis Althusser in seinem autobiografischen Text "Die Zukunft hat Zeit". Der akademischen Philosophie stand er kritisch gegenüber. In seinem vor kurzem in deutscher Sprache publizierten Werk "Einleitung in die Philosophie für Nichtphilosophen" findet sich eine heftige Anklage gegen die Meisterdenker der Philosophie - von Platon bis Hegel. Sie lebten in einer geschlossenen Welt - so Althusser - und beschränkten sich "auf ein ewiges Wiederkäuen" von zentralen Texten. Außerdem seien sie unkritisch gegenüber den herrschenden Mächten. Gegen diese Philosophie plädierte Althusser für eine "ganz andere Art des Philosophierens", für einen "Klassenkampf in der Theorie".

Kaum ein anderer Philosoph war so umstritten wie Althusser, der von namhaften Theoretikern wie Michel Foucault als zentrale Gestalt der französischen Nachkriegsphilosophie bezeichnet wurde, und der einen undogmatischen Marxismus mit strukturalistischen Elementen anreicherte.

Neue Marx-Lektüre

"Althusser ist deshalb so wichtig", schrieb Foucault, "weil er die traditionelle marxistische Interpretation vom gesamten Humanismus, Hegelianismus und auch von aller Phänomenologie, die darauf lastet, befreit und insofern aufs Neue eine Lektüre von Marx möglich gemacht hat, die nicht länger eine universitäre, sondern geradezu eine politische Lektüre war." Dagegen steht die kritische Bewertung des US-amerikanischen Historikers Toni Judt: "Althusser zerlegte Marx, nahm hier eine Passage, dort eine Textstelle, die ihm gerade in seine Interpretation passte, und konstruierte daraus die denkbar wunderlichste und unhistorischste Version der marxistischen Philosophie."

Geboren wurde Louis Althusser am 16. Oktober 1918 in der Nähe von Algier als Sohn einer bürgerlichen Familie. Seinen Vater, der eine steile Karriere als Bankdirektor absolvierte, erlebte er als autoritär - ohne geringstes Interesse an der Erziehung. Seine Mutter wurde von Phobien bedrängt; "sie hatte Angst vor allem", notierte er. Aus beruflichen Gründen zog die Familie nach Marseille, später nach Lyon.

1939 wurde Althusser zum Militärdienst eingezogen und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft, die fünf Jahre dauerte. Nach dem Krieg studierte er Philosophie und lernte seine spätere Frau Hélène kennen. Er trat in die Kommunistische Partei ein und lehrte bis 1980 an der École normale supérieure. In rund 30 Jahren war Althusser der Lehrer von französischen Intellektuellen wie Jacques Derrida, Michel Foucault, Alain Badiou oder Jacques Rancière. In diesen Jahren litt Althusser an schweren Depressionen, die er stationär behandeln lassen musste.