Es ist mittlerweile Teil eines Narrativs geworden, Österreicher und Tschechen als ein Volk mit zwei Sprachen zu bezeichnen. Auch wenn dahinter das Bemühen steht, das des Öfteren getrübte nachbarschaftliche Verhältnis rund um die Themen "Benes" und "Temelin" zu verbessern, so teilen sich beide doch ein oft gemeinsames politisches Schicksal, das über die Zeiten der gemeinsamen Staatlichkeit in der Habsburger-Monarchie hinausreicht. Deutlich sichtbar wird dies im "Gedenkjahr" 2018, das in beiden Staaten auf die "8er Jahre" mit ihren Jahrestagen verweist, denen in Tschechien fast mythischer Charakter zukommt.

Sehnsucht nach Bruch

Als vor hundert Jahren in Prag und Wien die beiden Republiken Deutschösterreich und Tschechoslowakei ausgerufen wurden, stand jedoch nicht Gemeinsamkeit, sondern der radikale Bruch mit dem Gegenüber im Vordergrund. Der gemeinsame Staat, in dem man fast 400 Jahre lang unter dem Zepter Habsburgs gelebt hatte, hatte sich buchstäblich erschöpft. Die Front löste sich durch Nichtbefolgung der Disziplin auf, die Menschen im "Hinterland", in den Metropolen Prag und Wien ersehnten die rasche Beendigung des mörderischen Krieges und den Bruch mit der unter Habsburgs Krone(n) verlebten gemeinsamen Vergangenheit. Schon weniger Gemeinsamkeiten herrschten in Bezug auf Vorstellungen über die Zukunft, die zu gestalten man sich jetzt anschickte.

Der Umsturz in Prag war am 28. Oktober 1918 rasch, unblutig und recht unspektakulär vonstattengegangen. Ein "Nationalausschuss", dem Vertreter aller tschechischen Vorkriegsparteien angehörten, hatte sich bereits in den Tagen davor daran gemacht, möglichst viele Einrichtungen der kaiserlich-königlichen Staatsmacht unter seine Gewalt zu bringen. Dabei konnte er sich auf das Manifest Kaiser Karls berufen, der am 16. Oktober seinen "getreuen österreichischen Völkern" eine eigenständige nationale Entwicklung im Rahmen der Monarchie versprochen hatte.

Als aber die Nachricht von der Note der k.u.k. Regierung an den neuen starken Mann in der Weltpolitik, US-Präsident Woodrow Wilson, in Prag eintraf, in der die Monarchie die Anerkennung der Rechte von "Tschechoslowaken" und "Südslawen" auf eine eigenständige Entwicklung zusagte, brachen die Dämme: Eine große Volksmenge hatte sich am Prager Wenzelsplatz versammelt, um das vorgebliche Kriegsende und die nationale Selbstständigkeit zu feiern. Die von den Ereignissen überraschten Männer vom Nationalausschuss ließen die Verantwortlichen der Getreidezentrale (und damit der zentralen Versorgungsbehörde Böhmens), die sie an diesem Tag übernehmen wollten, bereits die Treue auf einen neuen tschechoslowakischen Staat schwören.