Das heurige 100-Jahr-Jubiläum steht auch in Tschechien im Mittelpunkt zahlreicher Ausstellungen, hier über die Rolle von Freiwilligen bei der Entstehung der Tschechoslowakei 1918. - © ullstein - CTK
Das heurige 100-Jahr-Jubiläum steht auch in Tschechien im Mittelpunkt zahlreicher Ausstellungen, hier über die Rolle von Freiwilligen bei der Entstehung der Tschechoslowakei 1918. - © ullstein - CTK

Anschließend begaben sie sich zur k.k. Statthalterei, um diese zu übernehmen, und hatten angesichts der Tatsache, dass der Statthalter Maximilian Graf von Coudenhove gerade in Wien weilte, leichtes Spiel. Der anwesende Standortkommandant der k.u.k Truppen, General Kestřanek, übergab die Macht ohne (militärische) Gegenwehr. Noch am selben Tag erließ der Nationalausschuss, dem auch ein zufällig in Prag weilender Slowake angehörte, seine erste Proklamation: "Tschechoslowakisches Volk! Dein uralter Traum ist in Erfüllung gegangen. Der tschechoslowakische Staat ist mit dem heutigen Tag ins Leben getreten."

Propheten-Warnung

Um Ausschreitungen gegen die Prager Deutschen und deutschen Juden zu verhindern, wurde eine Kapelle beauftragt, die aufgewühlten Menschenmassen mit Musik zu beruhigen und die Begeisterung in friedliche Bahnen zu lenken. Am Wenzelsplatz ertönte das tschechische Nationallied "Kde domov muj" ("Wo ist mein Heim?"). Die Rampe des Nationalmuseums erhellten bengalische Feuer in den slawischen (und bald auch tschechoslowakischen) Farben Weiß, Rot, Blau. Doch am selben Tag warnte der tschechische Dichter Viktor Dýk seine Landsleute: "Ihr von feierlicher Freude Berauschte, hört die Warnung des Propheten: Der Kampf beginnt erst jetzt!"

Durchaus verschieden davon präsentierte sich die Lage in Wien. Hier hatte sich nach dem kaiserlichen Manifest vom 16. Oktober ein Nationalrat konstituiert, der am 30. Oktober zur provisorischen Nationalversammlung mutierte, mit einem 20-köpfigen Staatsrat als Exekutivausschuss.

Anders als in Prag waren die Entscheidungen in diesen Tagen weniger nationaler Begeisterung, sondern eher der Not und den Umständen geschuldet. Die republikanische Staatsform war sicher von der Mehrheit des neuen Staatsvolkes erwünscht, jedoch bei weitem nicht von allen, der "Anschluss" an Deutschland ebenfalls nicht von jener begeisterten Einmütigkeit getragen, wie später suggeriert. Da aber Tschechen, Polen und Südslawen an einer wie immer gearteten weiteren staatlichen Verbindung mit Wien keinerlei Interesse zeigten, galt die staatliche Verbindung mit dem Deutschen Reich als gangbare Lösung.

Roter Umsturzversuch

Alleine hielt man das "Rumpfgebilde" für weder lebensfähig noch lebenswert. Und da in Deutschland der Kaiser bereits gestürzt war, wollte man auch in Deutschösterreich nicht nachstehen und ließ die provisorische Nationalversammlung am 12. November den bereits am 30. Oktober gegründeten Staat Deutschösterreich als Republik proklamieren, nachdem Karl nach langwierigen Gesprächen am Vortag "auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften" verzichtet hatte. Erst am 12. November löste sich mit dem Abgeordnetenhaus des Reichsrates auch das Parlament des alten Österreich in recht prosaischer Form auf.

Die Bilder von der "Ausrufung" der Republik am Nachmittag desselben Tages gehören zur nationalen Ikonographie: Vor dem Parlament hatten sich zigtausende Menschen versammelt, als Rotgardisten die Rampe stürmten, aus den rot-weiß-roten die weißen Streifen entfernten und das Gebäude zu stürmen versuchten. Was sich im Nachhinein wie eine Burleske unter der Führung des legendären "rasenden Reporters" und gebürtigen Pragers Egon Erwin Kisch erscheint, hatte einen durchaus ernsten Hintergrund: Die Gefahr eines bolschewistischen Umsturzes, einer "sozialistischen" Revolution lag in der Luft, wurde jedoch von den Sozialdemokraten kanalisiert, während die Bürgerlichen wie paralysiert waren.