Das Leid des Weltkriegs hatte durch den nationalen Triumph Sinn bekommen, jedes Jahr am 28. Oktober wurde an die Staatsgründung mit mächtigen Feiern erinnert. Am Veitshügel über der Arbeitervorstadt Žižkov sollte ein monumentales Denkmal des einäuigen hussitischen Heerführers Jan Žižka an die glorreiche Vergangenheit erinnern und gleichzeitig die Verheißungen der Zukunft symbolisieren. Das neue Staatswappen zeigte den alten böhmischen Löwen mit dem aus dem alten ungarischen Wappen entlehnten Doppelkreuz als Symbol der Slowakei und dem Wahlspruch "Die Wahrheit siegt!". Masaryk und Bene erhoben den Anspruch auf die moralische, politische und wirtschaftliche Führungsrolle in Mitteleuropa, während der Slowake tefánik im Landeanflug über seiner Heimat tödlich verunglückt war.

Kleinstaat-Selbstfindung

In Österreich war hingegen Redimensionierung angesagt: Die Rückkehr zu den alten Babenberger-Farben rot-weiß-rot symbolisierte die neue kleinstaatliche Bescheidenheit, gleichzeitig wollte man auf das großdeutsche Schwarz-Rot-Gold im neuen Staatswappen nicht ganz verzichten. Der 12. November war kein gesamtnationaler Festtag, sondern zerfiel in einen klein gehaltenen offiziellen Teil und die Massen-Aufmärsche der Sozialdemokraten, die sich als eigentliche Erben des Tages sahen.

Mitten in den Selbstfindungsprozess als Kleinstaat kam es jedoch zur Weltwirtschaftskrise. Die Forderung nach dem "Anschluss" wurde wieder virulent, allerdings zusehends von den Nationalsozialisten politisch besetzt, während die österreichische Staatsmacht unter den Kanzlern Dollfuß und Schuschnigg inzwischen dagegen verzweifelt ankämpfte. Allerdings war Österreich ab 1934 weder Republik noch Demokratie, sondern ein autoritärer "Bundesstaat", in dem gemäß neuer Verfassung alles Recht vorgeblich "von Gott ausging".

Doch auch die Situation in der Tschechoslowakei entwickelte sich nicht unbedingt im Sinne ihrer Gründerväter. Das Land blieb ebenso gespalten wie Österreich, allerdings nicht entlang ideologischer als vielmehr nationaler Bruchlinien. Das Projekt des "Tschechoslowakismus", der Verschmelzung von Tschechen und Slowaken zu einer Nation, war aufgrund der slowakischen Emanzipationsbewegung in den 1930er Jahren und des Fehlens einer slowakischen Integrationsfigur durch den frühen Tod tefániks ins Stocken geraten.

Die nationalen Minderheiten, Deutsche und Ungarn, die immerhin 35 Prozent der Einwohnerschaft ausmachten, waren nur mangelhaft in den Staat integriert. Zwar blieb die Tschechoslowakei auch in den 1930er Jahren eine parlamentarische Demokratie, doch die Entscheidungen wurden von einem Block der fünf größten tschechoslowakischen, de facto tschechischen Parteien getroffen. Der neue Staatspräsident Edvard Bene, der das Amt 1935 übernommen hatte, setzte vor allem auf seine Verbündeten Frankreich und Großbritannien, wenn es darum ging, etwaige deutsche Gelüste abzuwehren.

Denn 1937 hatte Hitler im Kreis seiner Generäle verlauten lassen, dass er die "Tschechei" und Österreich in Bälde zu okkupieren gedenke; ein paar Monate darauf schritt er zur Tat. Die nach 1918 so unterschiedlichen Schicksale beider Staaten begannen sich angesichts der Außen-Bedrohung wiederum zu ähneln. Hitler benützte hier wie dort ihm ergebene Anhänger als Einfallstore. In Österreich waren dies illegale Nationalsozialisten genauso wie großdeutsche "Honoratioren".