Gefährtin und Modell: "Wally Neuzil in schwarzen Strümpfen", 1912. - © Archiv
Gefährtin und Modell: "Wally Neuzil in schwarzen Strümpfen", 1912. - © Archiv

Schiele verlässt grollend die verzopfte Akademie und gründet die sogenannte "Neukunst-Gruppe" mit gleichgesinnten Kollegen wie Anton Peschka, seinem zukünftigen Schwager, sowie Anton Faistauer, Franz Wiegele, Hans Massmann und Karl Zakovsek, der später auch noch Albert Paris von Gütersloh und Hans Böhler beitreten. In diesem Jahr beginnt Schiele auch für die richtungsweisende Wiener Werkstätte zu arbeiten und lernt deren Leiter, den Architekten Josef Hoffmann, kennen.

1910 ist eines der produktivsten Jahre des jungen Schiele. Er befreundet sich mit den Sammlern Carl Reininghaus und Oskar Reichel und dem Verleger Eduard Kosmack. Von allen dreien hat er uns großformatige Porträts hinterlassen. In diesem annus mirabilis lernte er auch den Eisenbahnbeamten Heinrich Benesch kennen, der zu einem seiner treuesten Sammler, Freunde und Förderer werden sollte. Ihn und seinen Sohn Otto Benesch hat Schiele oft porträtiert; und als Otto Benesch 1948 Direktor der Graphischen Sammlung der Albertina wurde, machte er einen Teil der Sammlung seines Vaters dieser Institution zum Geschenk.

1912 wird Schiele Opfer einer Intrige, indem er der Entführung einer Minderjährigen bezichtigt wird. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung und er muss eine Haftstrafe in St. Pölten absitzen, wegen "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen".

Diesem Gefängnisaufenthalt verdanken wir freilich einige der schönsten aquarellierten Zeichnungen. Das wunderbare Blatt mit der Inschrift "Die eine Orange wird das einzige Licht" wird wohl immer eines meiner Lieblingsblätter bleiben. Die Orange liegt auf der grauen Kotze des Gefängnisbettes und leuchtet daher umso stärker. Die Früchte hat übrigens Schieles damalige Gefährtin und Modell Wally Neuzil für den Gefangenen abgegeben.

In diesem Jahr gelingt ihm aber auch der Sprung über die Grenze nach Deutschland, und zwar mit der "Internationalen Sonderbund-Ausstellung" in Köln. Ein Jahr später, 1913, finden bereits weitere Ausstellungen in Deutschland statt, und zwar in der Galerie Hans Goltz in München ebenso wie in der Münchner Secession, im Folkwang Museum in Hagen, in Hamburg, Breslau, Stuttgart, Dresden und Berlin.

Einrücken ohne Waffe

Die Weihnachtszeit 1912 und den Jahreswechsel 1912/1913 verbringt Schiele bei der Familie des Industriellen August Lederer inGyör (Raab) in Ungarn. Dieser Aufenthalt war von Gustav Klimt vermittelt worden, damit Schiele dem Sohn des Hauses, Erich Lederer, Zeichenunterricht erteilen und ihn porträtieren konnte. Auch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 unterbricht die Ausstellungstätigkeit Schieles nicht. Die Wiener Galerie Arnot zeigt Ende 1915 eine Kollektivausstellung, im selben Jahren sind auch Zeichnungen und Aquarelle im Züricher Kunsthaus zu sehen.

In das Jahr 1915 fallen zwei einschneidende Ereignisse: Schiele heiratet am 17. Juni Edith Harms, deren Familie - wie gesagt - seinem Atelier gegenüber im Haus in der Hietzinger Hauptstraße 104 wohnt. Vier Tage nach seiner Trauung muss er allerdings in Prag seinen Militärdienst antreten, wird aber nach der Ausbildung nach Wien überstellt, wo er zwar einrückt, aber nicht mit der Waffe in der Hand, sondern in die Heereskonsumanstalt, wo er auch arbeiten kann.