Dieses Bild, "Die Frau des Künstlers, Edith Schiele", 1918, war das erste Gemälde, das zu Lebzeiten Schieles von der damaligen Staatsgalerie erworben wurde. Es ist nun in der Ausstellung im Belvedere zu sehen. - Johannes Stoll © Belvedere, Wien
Dieses Bild, "Die Frau des Künstlers, Edith Schiele", 1918, war das erste Gemälde, das zu Lebzeiten Schieles von der damaligen Staatsgalerie erworben wurde. Es ist nun in der Ausstellung im Belvedere zu sehen. - Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Sein damaliger Vorgesetzter, der Rechtsanwalt und Oberleutnant Hans Rosé, musste 1938 emigrieren, meldete sich aber bei mir nach Eröffnung der ersten Schiele-Ausstellung in London (1964), denn er hatte auch als Emigrant das Andenken an seinen ehemaligen Untergebenen hochgehalten - und überließ mir sogar eine Sammlung von Schiele-Zeichnungen, die er selbst in Auftrag gegeben hatte, um Schiele den militärischen Drill zu ersparen. Diese Zeichnungen zeigen Warenlager, Stellagen und Einblicke in die Vorratskammern der Konsumanstalt des Heeres und sind ganz offensichtlich ohne innere Anteilnahme gezeichnet, sodass man den Eindruck gewinnt, Schiele hätte diese Aufgabe nur widerwillig und im Allerweltsstil eines Zeichenlehrers hinter sich bringen wollen . . .

Durchbruch in Secession

1916 kann Schiele im Rahmen einer "Wiener Kunstschau" in der Berliner und Münchner Secession ausstellen. Im Heer ist er nun ausdrücklich dem "Dienst ohne Waffe" zugeteilt und zur Beaufsichtigung russischer Offiziersgefangener in Mühling bei Wieselburg in Niederösterreich abkommandiert. Diesem "Heeresdienst" verdanken wir mehrere Zeichnungen und Aquarelle mit eindrucksvollen Schilderungen von Porträts russischer Kriegsgefangener. Der Künstler konnte also trotz offiziellem Militärdienst seine "zivile" Existenz weiterführen. Dieses Privileg verlängerte sich im Oktober 1917, als Schiele in das Heeresmuseum im Wiener Arsenal "einrückte", wo er mit ebenso schonenden Beschäftigungen wie Beschriftungen und graphischen Arbeiten eingedeckt wurde. Er bekam sogar die Sondervergünstigung, zu Hause übernachten zu dürfen.

Auch im vorletzten Kriegsjahr 1917 ist es dem Künstler möglich gewesen, einige seiner Werke vorzustellen, und zwar in Wien, in der sogenannten "Kriegsausstellung", in München wieder in der Secession und in den Hauptstädten neutral gebliebener Länder, in Amsterdam, Stockholm und Kopenhagen. Die 49. Sonderausstellung der Secession in Wien im letzten Kriegsjahr, das eben auch das letzte Lebensjahr des Künstlers gewesen ist, brachte dann den Durchbruch.

Die Wiener Sammlerwelt und die Wiener Kritik kamen anlässlich dieser Ausstellung zur absolut richtigen Überzeugung, dass dieser Künstler trotz seiner Jugend schon zu den Großen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu zählen ist. Dass sein Werk innerhalb der kommenden 100 Jahre bis in die oberste Etage der Weltgeltung aufsteigen wird, vergleichbar mit Cézanne, Modigliani, Picasso und den Impressionisten, konnten sie im Frühjahr 1918 freilich noch nicht erahnen.

Nicht vertretbar ist übrigens die Meinung, Schiele hätte ein hartes Künstlerschicksal wie der junge van Gogh oder der junge Modigliani erdulden müssen, denn er konnte schon zu Lebzeiten nicht nur in seiner Heimatstadt, sondern auch im Ausland Bekanntheit erlangen. Und er hat einflussreiche Mäzene und Sammler gefunden, wie Reininghaus, Lederer und Böhler, und ebenso enthusiastische Kunstkritiker, allen voran besagter Arthur Roessler.

Nicht zu vergessen sind die Hilfestellungen seines ersten Kunsthändlers in Wien, Otto Kallir (geb. Nirenstein), der seinem Werk in der Galerie St. Stephan eine frühe Heimstätte gegeben hat, und bereits zehn Jahre nach Schieles Tod den ersten Oeuvre-Katalog herausbrachte. Kallir ist 1938 wegen seiner jüdischen Herkunft von den Nazis vertrieben worden, setzte seine Tätigkeit für Schiele aber unverdrossen fort, in seiner nun umbenannten Galerie St. Etienne in Paris, später in New York. Dort gelang es ihm 1954, das erste monumentale Schiele-Gemälde, "Porträt Paris Gütersloh", an ein amerikanisches Museum zu vermitteln (Minneapolis Institute of Arts, Minnesota).