Der Mannmit dem Geigenkasten ist mit einem italienischen Immobilientycoon in der Schweiz verabredet, es geht um 40 Millionen. Der Mann ist ein ganz Großer: Dietmar M. aus Bremen, der wichtigste Verkäufer von Stradivari-Geigen weltweit, mit Niederlassungen in Wien, Berlin, New York, Tokio. Seine Kunden sind Banken und Stiftungen, Leute, die Millionen für ein Instrument bezahlen. Wie der Italiener, dem M. 17 alte Geigen verkaufen will. Was M. nicht weiß: Zielfahnder sind hinter ihm her, sie hören sein Handy ab. Um sieben Uhr morgens klingeln sie in Zermatt am Fuße des Matterhorns an seiner Tür. Seit März sitzt M. nun in Schweizer Auslieferungshaft.

Im Besitz der Öst. Nationalbank: die Stradivari "ex Hämmerle", Cremona 1709.
Im Besitz der Öst. Nationalbank: die Stradivari "ex Hämmerle", Cremona 1709.

In Österreich warten sie schon auf ihn. M. soll ein Millionenbetrüger sein, die Wiener Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Veruntreuung und gewerbsmäßigem schweren Betrug. M., so der Vorwurf, habe Geigen verkauft, deren Wert er entweder zu hoch ansetzte oder die er gar nicht hatte. "Geigen-Madoff" nennen ihn die Wiener bereits, der Schaden soll 27 Millionen Euro betragen. Noch immer klingeln bei den Ermittlern die Telefone. Aus Österreich, Deutschland und Übersee melden sich Geschädigte: Musiker, Händler und vor allem Banken. Was M. in der Schweiz genau vorhatte, ist unklar.

Namen wie Rennpferde

Es geht um die berühmtesten Instrumente der Welt. Geigen, die schon Paganini besaß und die längere Herkunftsgeschichten haben als die meisten Hochadeligen. Und die vor allem sehr teuer sind. Erst kürzlich hat wieder eine Geige Geschichte geschrieben: die "Lady Blunt", benannt nach ihrer Besitzerin. (Alle Stradivaris haben Namen, die ein bisschen wie Rennpferde klingen.) Fast 300 Jahre alt ist sie - und so gut erhalten wie nur eine einzige andere Stradivari. Im Juni wurde sie in Japan für 15,9 Millionen Dollar versteigert.

Etwa 600 Strads, wie Kenner sagen, gibt es noch. Dazu kommen ein paar Dutzend Celli und die 150 Geigen, die Stradivaris Landsmann Guarneri del Gesù baute. Viele Instrumente gehören Stiftungen oder Banken, wie etwa der Österreichischen Nationalbank, die ihre acht Stradivaris an die Konzertmeister der Wiener Philharmoniker verleiht. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter besitzt sogar zwei, André Rieu eine.

Nicht einmal tausend Geigen - das ist ein winziger Markt. Und auf diesem tummeln sich Händler, Experten, Musiker und Investoren aus aller Welt - so viele, dass man inzwischen vom "Stradivari-Wahn" spricht. Viele wittern das schnelle Geld; Geigen haben in den vergangenen Jahrzehnten so viel an Wert gewonnen wie impressionistische Gemälde. Da hört man von Experten, welche die Instrumente der anderen schlechtmachen, um ihre eigenen zu verkaufen. Von Musiklehrern, die ihren Schülern Instrumente andrehen und Provisionen einstreichen. Von überhöhten Preisen und gefälschten Instrumenten, von Schwarzgeld, geheimen Konten und manipulierten Auktionen. Früher waren in den Geigenkästen der Gangster Maschinenpistolen. Heute sind nicht selten richtige Geigen darin.

Dietmar M., 61 Jahre alt, stammt aus einer alten norddeutschen Geigenbauerfamilie. Fotos zeigen einen eleganten Mann mit junger Ehefrau und großbürgerlicher Attitüde. Immer im Maßanzug und immer dort, wo die wichtigen Leute und das große Geld sind. In Wien etwa, M.s Firmensitz.

Wien liebt seine Musiker, und noch mehr liebt Wien Leute wie M. Irgendetwas zwischen großzügig und größenwahnsinnig, dazu mit Schmäh. Einer Mitarbeiterin, die schwanger wurde, erhöhte M. den Lohn. Mit Instrumenten, die weniger als 100.000 Euro kosteten, gab er sich nicht ab. "Mickymaus-Geigen" nannte er sie. Und erst seine Geschichten. Wie die von der Stradivari, die er nach Nordkorea verkaufte. Das war 1985, da kosteten Stradivaris noch 285.000 Dollar. M. stand mit seinem Geigenkasten am Checkpoint Charlie, denn dort fand die Übergabe statt. Gezahlt wurde in 1000-Mark-Scheinen.

In Wien wurde M. zum Ehrenprofessor ernannt und von Politikern hofiert. Ein Schloss in Niederösterreich hatte er auch und einen gelben Rolls-Royce. Die Geschäfte liefen gut. Wobei die Wiener scherzen, dass M.s Firmenzusatz "Rare Violins" offenbar Programm war. Die Geigen machten sich irgendwann tatsächlich rar. Etwa 20 Instrumente, mit denen M. handelte, sind verschwunden. Niemand weiß, wo sie sind und ob es sie überhaupt gibt. Fest steht: M. hat es vergeigt. Die Firma ist pleite, die Gläubiger fordern 50 Millionen Euro.

Aber warum überhaupt Geigen? "Es gibt kein anderes von Menschenhand geschaffenes Instrument oder Werkzeug, das mit zunehmendem Alter immer besser wird", sagt Marcel Richters. Richters, Leinenhemd, verwuscheltes graues Haar, ist Geigenbaumeister. Seine Werkstatt in einem Wiener Außenbezirk sieht aus wie eine schicke Arztpraxis: helle Räume, Geigen in Glasschränken. Auf einem Marmortisch liegt das Magazin "The Strad", auf dem Cover die junge Violinistin Janine Jansen mit nackten Schultern.

Was macht die Stradivaris so einzigartig? Dass sie angeblich um so vieles süßer und dunkler klingen als andere Geigen? Ist es das Fichtenholz, ist es der Lack, wie manche Forscher glauben? Richters sagt, dass es unter anderem am ganzheitlichen Denken der Epoche liege, in der die Instrumente entstanden sind. Die Geigenbauer ließen sich von Architekturprinzipien genauso leiten wie von den Mondphasen, zu denen das Holz geschlagen wurde. Angeblich legte Stradivari in klaren Nächten sein Ohr an Baumstämme, klopfte Fichten ab wie unsereiner Melonen auf dem Markt.