Jens ist nicht im Groll von Deutschland geschieden, doch manches sei hier einfacher, selbst die Gründung einer Firma. Anders nämlich, als es deutschsprachige Zeitungen berichten, sei in der Ukraine unter Janukowitsch einiges besser geworden, die Steuergesetzgebung wurde vereinfacht, das Straf- und Zollrecht modernisiert, die Polizei pflege kein Raubrittertum mehr.

In Deutschland wurde er einmal von seinem Chef aufgefordert, einen Kollegen zur Entlassung zu bestimmen. Er weigerte sich, lieber verließ er selbst die Firma. Seine Frau habe als Saisonkraft in einem Gartencenter gearbeitet, nachts wurden dort die Zierpflanzen mit Gift besprüht, es wurde nicht gelüftet, die Frauen arbeiteten ohne Schutzanzüge. Sie wurden nicht informiert, dass nach dem Versprühen des Gifts zwei Wochen solch ein Gewächshaus nicht betreten werden sollte. Lyudmyla habe sich als einzige beschwert, doch sei nichts geschehen.

Jens kennt noch ein paar Deutsche, auch zwei Österreicher, die in der näheren Umgebung wohnen. Fast immer war eine Frau das Motiv für die Übersiedlung. Er hat seine Frau in einer Sparkasse kennen gelernt. Er installierte dort die Alarmanlagen, sie lebte illegal in Deutschland und putzte die Kassenräume. Spontan hatte sie ausgerufen: "Oh, was für ein großer Mann!"

Bei ihrem ersten Besuch in seiner Wohnung habe sie gestaunt, wie sauber die Wohnung für einen Junggesellen gewesen sei. Als ordentlicher Deutscher verlangte Jens von seiner künftigen Frau, dass sie zunächst wieder in ihre Heimat zurückkehren müsse, bevor er sie offiziell einladen und heiraten könne.

Fußball und Schnaps

Abends schauen wir Fußball, Ukraine gegen Schweden. Zur Feier des Sieges trinken wir Samagon, den ein Nachbar geschenkt hat, einen braunen Schnaps mit Walnussgeschmack. In der Ukraine darf jeder für den Eigenverbrauch Schnaps brennen. Der Selbstgebrannte hat noch mehr "Umdrehungen" als der Wodka, meist um die 50 bis 60 Prozent. Man benötigt ein Destilliergerät, leere Flaschen und ein Sieb, um das Feuerwasser herzustellen - und natürlich Wasser, Zucker, Hefe und Zutaten wie Pfeffer, Pflanzenöl, Lorbeerblätter, Tee, Äpfel, Birnen oder Pflaumen. Je nachdem, welch zauberhafter Geschmack den Rausch befördern soll.

Auf meine Frage, was er aus Deutschland vermisse, sagt Jens, "Bautzener Senf". Sonst eigentlich nichts. Übers Internet, per Skype, könne er ja jederzeit mit Freunden und Verwandten sprechen. Er sei froh, hier ein freies, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Ohnehin hätten schon die Sterne angezeigt, wo er einmal leben werde. Schließlich sollte er am 25. Dezember geboren werden, doch er wartete bis zum 7. Jänner, dem russischen Weihnachtstag.

Mich zieht es weiter nach Osten. An der Autobahn Kiev-Charkiv finde ich ein Restaurant, in dem eine Hochzeit und ein Geburtstag gefeiert werden und nebenbei Fußball geschaut wird. Mein Fahrrad wird bestaunt. Zuerst glauben alle, ich wolle zu einem der EM-Spiele fahren. Die Geburtstagsgesellschaft, zwölf Männer im mittleren Alter, lädt mich ein. Dass ein Fremder hier allein an einem Tisch sitzen würde, widerspräche den guten Sitten. Es wird mir sogar verziehen, dass ich keinen Wodka trinke, nur mit Bier anstoße.

Alle hoffen auf einen Sieg der Deutschen, nach jedem gelungenen Spielzug wird geklatscht. Deutsche werden in der Ukraine und in Russland bei Umfragen immer wieder als beliebteste Ausländer genannt, trotz der Schrecken, die Wehrmacht und SS verbreitet haben. Wenn heute ein Deutscher in einem russischen oder ukrainischen Steppendorf erscheint, wird er nicht mehr mit den Worten "Hitler kaputt" begrüßt, sondern mit dem Ausruf "Das ist fantastisch, ja, ja!" Dieser Spruch stammt aus einer deutschen Pornoreklame, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Fernsehen sehr populär war. Nahezu jeder kennt diese deutschen Worte, sie werden noch heute in der Werbung benutzt.

Völkerpsychologie

Der moderne Deutsche ist ein Lustmolch, kein Nazi mehr. An den Deutschen wird ihr Streben nach Exaktheit geachtet, die Fähigkeit, sich dem Objekt unterzuordnen, nicht wie die Ukrainer dem Subjekt. Die Deutschen unterwerfen sich einem unsichtbaren Fetisch, den Paragraphen, sie glauben an die Haltbarkeit des Rechts. Ukrainer und Russen vertrauen der eigenen Verwandtschaft und dem, was sie sehen. Persönliche Beziehungen und Geld bieten Schutz vor willkürlicher Verhaftung und fantastischen Anklagen, Korruption ist ein Demokratieersatz.

In der Pause und nach dem Spiel wird auf der Straße geraucht, obwohl das laut Gesetz seit drei Jahren verboten ist, ebenso wie das Trinken von Bier und Wodka. Die Strafe beträgt umgerechnet sechs Euro, ein durchschnittlicher Tageslohn.

Oleg, das Geburtstagskind, ist selbst ein Polizist, wie er zum Abschied gesteht. Er zeigt stolz auf seinen BMW und will wissen, welchen Ruf dieses Auto in Deutschland hat. Ich will ihn nicht beleidigen und verkneife mir die Bemerkung, dass meines Wissens vor allem Türken und Zuhälter in diese Marke vernarrt seien.

Christoph D. Brumme, geb. 1962 in Wernigerode (D), lebt als Schriftsteller in Berlin und fährt jeden Sommer mit dem Rad durch Russland und die Ukraine.