Der Start in der neuen Heimat Oberösterreich könnte schwieriger nicht sein; auch die gerade 18 gewordene Winnie muss bei der Existenzneugründung mithelfen. Dank ihrer vorzüglichen Englischkenntnisse kommt sie als Dolmetscherin bei der amerikanischen Besatzungsmacht unter. Zwar erhält sie im Jahr darauf einen Studienplatz an der Linzer Kunstgewerbeschule, doch im Hinblick auf die miserablen Berufsaussichten in der Graphikbranche entscheidet sie sich schweren Herzens für "Handfesteres" und lässt sich an der Universität Graz zur Englisch-Dolmetscherin ausbilden.

Herbert von Karajan fühlte sich von Winnie Jakobs Porträts nicht immer sehr geschmeichelt.
Herbert von Karajan fühlte sich von Winnie Jakobs Porträts nicht immer sehr geschmeichelt.

Mit einer Stelle als Übersetzerin am US-Konsulat in Salzburg kann sie sich immerhin einen alten Wunschtraum erfüllen: Hier, wo einst Onkel Anton Baumann den Rocco im "Fidelio" gesungen hat, wäre sie dem von ihr so geliebten Festspielbetrieb nahe, fände zu der einen oder anderen Aufführung Zugang, erhielte vielleicht sogar Gelegenheit, manche der in Salzburg gastierenden Sänger und Dirigenten von Weltruf zu porträtieren. Denn inzwischen ist ihr jahrelang brachliegendes bildnerisches Talent wiedererwacht, und seitdem sie sich, auf ein Inserat der Wiener "Bilderwoche" reagierend, mit Erfolg als Witzzeichnerin betätigt, reift in ihr der Entschluss, was bislang nur Hobby gewesen ist, zum Beruf zu machen.

Treffsichere Porträts


Muss sie sich die erste Zeit noch mit Schwindelmanövern wie "Mein Bräutigam ist Philharmoniker" in die Konzert- und Theatersäle einschleichen, so verschafft ihr die von ihrer Redaktion erwirkte Akkreditierung bei den Salzburger Festspielen endlich Zutritt zu den Proben, und Winnie kann nach Herzenslust Koryphäen wie Wilhelm Furtwängler oder Clemens Holzmeister und Publikumslieblinge wie Hans Moser oder Helene Thimig mit Zeichenstift und Tuschfeder festhalten: bleibende Dokumente von atemberaubender Treffsicherheit. Nur die Abnehmer ihrer Werke - die fehlen vorderhand noch. Erst im Festspielsommer 1959 ist es endlich so weit: Eine Pressekonferenz im Hotel "Österreichischer Hof", bei der die Trias Karajan/Böhm/Mitropoulos den aus aller Welt angereisten Medienvertretern Rede und Antwort steht, bringt Winnie Jakob den Durchbruch.

Der Wiener Musikkritiker Herbert Schneiber ist es, der auf die in Minutenschnelle aufs Zeichenpapier gezauberten Karikaturen der drei Maestri aufmerksam wird, sie der Künstlerin aus der Hand reißt und in seiner Zeitung publiziert.

Die Leser sind begeistert, verlangen nach Fortsetzung. Laufend erscheinen nun also - unter der Chiffre WIN - Winnie Jakobs Künstlerporträts in den österreichischen (und bald auch ausländischen) Blättern, in den Programmheften der Theater, in einschlägigen Büchern. Auch das noch junge Fernsehen greift zu und setzt Winnie Jakob in Live-Sendungen als Schnellzeichnerin ein; in Stift Geras gibt sie Sommer für Sommer ihr Können in Karikaturkursen weiter; Hans Weigel engagiert sie als Illustratorin seiner Attila-Hörbiger- und seiner Josef-Meinrad-Biographie.

Disneys guter Rat


Derart rasant wächst Winnie Jakobs uvre an, dass es schon bald Buchbände füllt: "Karajan con variazioni", "Die Wiener Oper" und "Die Herren Lipizzaner" sind einige der Titel. Es folgen Ausstellungen ihrer Werke im In- und Ausland, öffentliche Sammlungen kaufen WIN-Blätter an, und sogar Walt Disney, den sie während der Dreharbeiten zu dem Hollywood-Film "Die Flucht der weißen Hengste" kennenlernt, zeigt sich an ihrer Kunst interessiert. Dass er ihr dennoch davon abrät, für ihn zu arbeiten, zeugt für seinen Respekt vor Winnie Jakobs Genius. Mit den Worten "It would ruin your talent" macht er ihr klar, dass über der Fließbandarbeit im Trickfilmstudio ihr kreatives Potenzial verkümmern würde.

Als "gezeichnete Kammermusik" rühmt einer ihrer vielen Bewunderer Winnie Jakobs Gabe, mit wenigen Strichen das Charakteristische ihrer Modelle herauszuarbeiten, "ein gezeichnetes Österreich-Lexikon" nennt es ein zweiter, und Förderer Hans Weigel fasst sein Urteil in die Worte: "Sie nimmt so viel von der Figur weg, dass das Ganze übrigbleibt."

Das allerschönste Kompliment aber verdankt sie Oskar Kokoschka, den sie bei einer Begegnung in der Salzburger Galerie Welz porträtiert und zum Zeichen seiner Zustimmung um Signierung des fertigen Blattes bittet. Kokoschka, tief beeindruckt von seinem Konterfei, lehnt freundlich, aber bestimmt ab: "Da könnten die Leut´ ja glauben, es sei von mir."

Dietmar Grieser, geboren 1934, lebt als Schriftsteller und literarischer Reporter in Wien. 2012 ist im Wiener Amalthea Verlag seine "autobiographische Spurensuche" "Das gibt´s nr in Wien" erschienen.