Im Oktober 1990 hielt ich mich in New York auf. Da gab es eine späte Hitzewelle, die vor allem ermüdete. In diesen Tagen besuchte ich einige Museen, unter anderem das "Metropolitan Museum of Art". Beim Haupteingang dieses Museums warb eine große Schrift für die aktuelle Ausstellung: "30 Centuries of Mexican Culture". 3000 Jahre mexikanischer Kultur wurden hier also präsentiert. Damals fanden an verschiedenen Orten in New York kulturelle Begleitprogramme zu dieser groß angelegten Mexiko-Ausstellung statt. Ich erinnere mich, dass ich die Zeitung "Village Voice" las und einen Vortragsabend mit Octavio Paz angekündigt sah. Der Ort der Lesung, eine kleinere Bibliothek, lag irgendwo in Midtown Manhatttan.

Versäumte Begegnung


Diese Lesung habe ich nicht besucht. Die schwüle Hitze setzte uns zu und ich konnte mich nicht aufraffen, mit der Subway nach Midtown zu gelangen, die Bibliothek zu finden, und eine Lesung mit dem damals 76-jährigen Octavio Paz zu erleben.

Später bereute ich meine Trägheit, denn es wäre eine rare Möglichkeit gewesen, den mexikanischen Schriftsteller zu treffen. Ich hielt aber nie viel vom Fan-Getue, selbst bei Persönlichkeiten wie Octavio Paz, dessen großes Werk ich seit 1974 immer wieder, und auch von neuem, gelesen hatte.

Für mich war die Lektüre seiner Bücher in verschiedenen Phasen der vergangenen vierzig Jahre wichtig. Die Begegnung mit literarischen Werken geschieht ja durch Lektüre, Reflexion und Kritik des Gelesenen, und in einem genaueren Sinn durch das Schreiben über diese Bücher - oder durch das Übersetzen, das in meiner Sicht die genaueste Form des Lesens bildet.

Einige Jahre vor seinem New Yorker Vortrag hatte der mexikanische Dichter, Essayist und Philosoph ein monumentales Spätwerk vorgelegt: "Sor Juana oder die Fallstricke des Glaubens" ("Sor Juana Inés de la Cruz, o, las Trampas de la Fe").

Dieses Buch beschreibt Leben und Werk der mexikanischen Nonne Sor Juana Inés de la Cruz (1651-1695), die als erste lateinamerikanische Dichterin spanischer Sprache Weltbedeutung erlangt hatte.

In seinem Werk beschrieb Octavio Paz aber nicht nur die Biografie Sor Juanas, sondern schilderte das Geistesleben in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im "Vizekönigreich Neu-Spanien", wie Mexiko offiziell bezeichnet wurde.

Einige Wochen nach der versäumten Begegnung in New York wurde im Herbst 1990 der aktuelle Nobelpreisträger bekannt gegeben: Octavio Paz. Aber es ist nicht meine Absicht, die Biografie des mexikanischen Autors, die vielfältig und abenteuerlich war, vorzustellen. Jeder daran interessierte Leser wende sich an "Wikipedia".

Geehrt, nicht gelesen


Als Octavio Paz im Herbst 1984 den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" in Frankfurt erhielt, veröffentlichte ich ein größeres Porträt über Paz, beschrieb darin seine Biografie und erwähnte einige seiner bedeutenden Bücher. Damals fiel mir auf, wie desinteressiert manche Redakteure und Leser waren, wenn es darum ging, sich mit dem umfangreichen Werk und der Person des mexikanischen Dichters zu beschäftigen. Für viele galt das bereits vor dreißig Jahren als uninteressantes Thema und ich wusste nicht, warum das so war.

Zu diesem Zeitpunkt, etwa 1984, erschienen im Suhrkamp Verlag eine Anzahl von Paz’s Büchern in guten Übersetzungen und schönen Ausgaben. (Als Übersetzer waren Fritz Vogel-gsang für die Lyrik, für die Prosawerke Rudolf Wittkopf zuständig.)

Aber die zwiespältige Rezeption seiner Werke blieb weiterhin bestehen. Warum nur? Damals war die Aufnahme moderner Literatur aus Lateinamerika um einiges wichtiger als heute, weil die bedeutenden Autoren, welche die Aufarbeitung der historischen Zusammenhänge Lateinamerikas (einschließlich Brasiliens und des vielsprachigen karibischen Raums) in neuen literarischen Formen erfunden hatten, größtenteils noch lebten und weiterhin veröffentlichten.

Von Büchern umgeben: Der alte Octavio Paz in seinem Arbeitszimmer. - © Foto: Sergio Durantes/Sygma/Corbis
Von Büchern umgeben: Der alte Octavio Paz in seinem Arbeitszimmer. - © Foto: Sergio Durantes/Sygma/Corbis

International erfolgreich waren vor allem Romane, und da wiederum diejenigen, die verständlich geschrieben waren. Die Werke von Paz passten nicht in diese Kategorie, da er bewusst keine Romane schrieb. In einem späten Aufsatz über Poetik vor der Wende zum 21. Jahrhundert lässt sich seine Verachtung des postmodernen Romans seit den 1980er Jahren nachlesen.

Sein eigenes Schreiben hatte um 1930 mit moderner Lyrik begonnen, später folgten viele Essays und kritische Werke, aber Paz blieb bis zum Lebensende beim Schreiben von Gedichten. Und da ist eine Entwicklung seines Werks im Zeitraum von über sechzig Jahren zu beobachten: der junge, avantgardistische Dichter Paz, in Mexiko während der 1930er Jahre lebend, wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten von der endlosen Gelehrsamkeit und immensen Belesenheit des gereiften Kritikers, Essayisten, Philosophen und politischen Denkers Paz überlagert.

Kritische Verehrung


In Gesprächen mit lateinamerikanischen Lyrikern hörte ich in mehreren Ländern Lateinamerikas, inklusive Kuba, folgende Bemerkung über Paz: Das frühe lyrische Werk ist großartig, wurde genau zu dem Zeitpunkt geschrieben, als eine "internationale Moderne" zu entstehen begann, während der 1920er und 1930er Jahre. Paz hatte als Jugendlicher bereits die spanischen Modernisten (der "Generation von 1927") gelesen und war vom Surrealismus beeinflusst. Diese Strömungen verwendete der junge Dichter, eine neue mexikanische Lyrik zu schreiben, die aus der eigenen kulturellen Erfahrung kam.