Gegen stereotype Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit: Sandra Gathmann. - © Stanislav Kogiku
Gegen stereotype Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit: Sandra Gathmann. - © Stanislav Kogiku

Was sind die häufigsten Fragen und Probleme Ihrer Klienten?

Bin ich normal? Warum bin ich anders als mein Partner oder meine Partnerin? Soll ich mich anpassen? Bin ich gestört? Aber über allem steht die Frage: Darf ich sein, wer ich bin? Und die Antwort lautet meistens Ja. Es gibt natürlich Grenzen: Wenn Menschen mit ihren Vorlieben in Konflikt mit dem Gesetz geraten oder anderen oder sich selbst Schaden zufügen. Das muss nicht unbedingt physische Gewalt sein, sondern es können auch sexuelle Vorlieben sein, die bei genauerer Betrachtung langfristig nicht guttun.

Was machen Sie dann?

Bei Paaren gibt es oft einen unausgesprochenen Auftrag an mich, Dolmetscherin für die eigenen Bedürfnisse zu sein. Oft hat sich das Paar bereits geeinigt, wer die "Diagnose" hat - das gilt es manchmal zu hinterfragen. Ich glaube nicht besonders an Diagnosen. Wenn Klienten alleine kommen, ist es oft mehr eine Spurensuche nach dem eigenen sexuellen Ich.

Ist Sexualtherapie Luxus? Sie haben Privatpraxen in Berlin und Wien und damit wahrscheinlich mit einer bestimmten Schicht zu tun.

Das ist nicht zu leugnen. Ich habe fast ein Jahrzehnt bei der Wiener Sexualberatungsstelle "Courage" gearbeitet, die Beratung anonym und auf Spendenbasis anbietet. Das war durchaus ein breiteres Abbild der Gesellschaft. In eine Privatpraxis kommen natürlich fast automatisch besser verdienende Menschen. Was ich aus politischer Sicht problematisch finde, denn viele sexuelle Anliegen und Probleme werden nicht von der Krankenkasse verrechnet. Damit etwas als behandlungswürdig angesehen wird, muss eine Störung oder Krankheit diagnostiziert werden. Und das ist nicht immer gut für die betroffene Person.

Weil es einen Stempel aufdrückt?

Richtig. Paar- und Sexualtherapie werden im gesamten deutschsprachigen Raum nicht von den Kassen getragen. Alle, die sich eine Therapie nicht leisten können, sind auf Beratungsstellen angewiesen. Das nimmt mich persönlich sehr mit: Seit Jahren kämpfen diese Stellen um Fördergelder und diese Gelder wurden im letzten Jahr endlich um eine Million Euro erhöht. Mit der neuen Regierung wurden diese Fördergelder wieder gestrichen. Das betrifft 26.000 Beratungsstunden. Dabei ist der Beratungsbedarf deutlich gestiegen. Auf der einen Seite heißt es seitens der neuen Regierung, die Familie sei ein wichtiger Wert, aber Familienberatungsstellen werden nicht unterstützt. Ich betrachte das als deutlichen Rückschritt.

Gibt es Paare, die sexuell nicht zusammenpassen?

Es gibt Menschen, die in ihren Bedürfnissen und Zugängen so weit auseinanderliegen, dass es sehr schwer ist, das zu vereinbaren. Aber nicht bei allen Menschen ist Sexualität gleich gewichtet. Es gibt durchaus sehr glückliche Paare, die sich klar positionieren: "In unserer Sexualität kommen wir nicht zusammen. Aber unsere Beziehung ist so bereichernd, dass sie trotzdem pflegenswert ist." In den letzten Jahren bemerke ich eine immer größere Offenheit für alternative Beziehungsmodelle. Es muss nicht immer die klassische heterosexuelle Ehe sein. Viele führen offene, nicht exklusive Beziehungen oder entscheiden sich, nicht zusammen wohnen zu wollen. Das ist eine Chance, aber auch eine große Herausforderung, weil dadurch alles miteinander verhandelt werden muss. Die Vereinbarung zu treffen, dass Sexualität auch ausgelagert werden kann, macht eine Beziehung aber bestimmt nicht automatisch einfacher.