Geht es da nicht auch um weibliche Selbstermächtigung?

Wir sind an einer sehr interessanten Schnittstelle zwischen alten und neuen Normen. Auf der einen Seite die tradierten Geschlechterrollen, wie Männer oder Frauen sich in der Sexualität verhalten sollten. Auf der anderen die neuen Normen, die mit den alten oft nicht zu vereinen sind. Ein Beispiel: Ich soll als Frau sexuell selbstbewusst und "empowered" sein, andererseits soll ich meine Sexualität nicht zu aggressiv vor mir hertragen, weil das angeblich unattraktiv wirkt und Männer sich als "Jäger" fühlen wollen und ähnliche evolutionspsychologische Konstrukte. Das ist sehr verwirrend. Besonders Männer haben da einen Nachteil, weil sie nie eine Männerbewegung hatten. Jetzt könnte man sagen, Sexualität war jahrtausendelang im Blickpunkt der Männlichkeit. Aber es gab keine kritische Auseinandersetzung mit Männerrollen. Frauen hatten das schon. Dass unter Sexismus nur Frauen leiden, ist nur die halbe Seite. Auch dass unter Diskriminierung gegenüber Homosexuellen nur Homosexuelle leiden, ist kurzsichtig.

Warum?

Weil sehr stereotype Bilder über "echte Männlichkeit" propagiert werden - was Männlichkeit bedeutet und wo angeblich ihre Grenzen liegen. Das macht den Spielraum sehr klein, wie ich als Mann sein darf, was ich mir erlauben darf, welche Gefühle ich ausdrücken darf. Das gilt auch für Frauen: Wenn ich mich sexuell zu "männlich" verhalte, werde ich abgewertet - das passiert medial immer noch oft. Und wenn ich mich als Mann mit stereotyp weiblichen Eigenschaften zeige, werde ich als "schwul" diskriminiert. Im Grunde verlieren wir dadurch alle.

Was verrät uns die "MeToo"-Debatte über Sex und Geschlechterrollen?

Ich bin zwiegespalten. Ich finde es gut, dass sexuelle Gewalt und sexuelle Grenzüberschreitungen eine Öffentlichkeit finden. Aber es gibt einiges, was mich an dem "MeToo"-Diskurs sehr irritiert: Erstens, dass über sexuelle Gewalt überhaupt nicht differenziert gesprochen wird. Das ist natürlich oft schwierig, weil es sehr subjektiv ist, wie ein Mensch einen Übergriff erlebt. Juristisch hingegen gibt es eine klare Unterscheidung zwischen einer Vergewaltigung und einer politisch unkorrekten Ausdrucksweise. Beides braucht trotzdem eine Öffentlichkeit. Zweitens irritiert mich, dass der Diskurs oft an Einzelpersonen festgemacht wird. Und dass dabei vergessen wird, dass es meistens um strukturelle Gewalt auf viel größerer Ebene geht. Es stehen nur noch einzelne Männer und Täterprofile im Rampenlicht. Dabei gehen sehr wertvolle Aspekte der Debatte verloren.