Sandra Gathmann im Gespräch mit Saskia Blatakes. - © Stanislav Jenis
Sandra Gathmann im Gespräch mit Saskia Blatakes. - © Stanislav Jenis

Macht es Menschen glücklicher?

Wenn sie gute, für beide passende Vereinbarungen getroffen haben, die auch immer wieder aktualisiert werden können, schon. Viele Dinge kann man aber nicht im Voraus zementieren, sondern man muss zuerst einmal reinfühlen, wie es einem dann geht. Aber zurück zur sexuellen Kompatibilität: Das ist eine typisch anstrengende Frage der jetzigen Zeit, diese ständige Suche nach dem "passenden Deckel für meinen Topf". Viele Probleme sind auch deshalb welche, weil sie dazu gemacht werden. Unterschiede werden schnell als Alarmsignal bewertet. Was eigentlich nicht nur ganz normal ist, sondern sogar förderlich für die Sexualität. Interessanterweise werden Unterschiede in anderen Lebensbereichen weniger problematisch erlebt, zum Beispiel was Freizeitinteressen betrifft. Aber in der Sexualität wird alles minutiös unter die Lupe genommen.

Der Optimierungswahn macht vor dem Sex nicht halt.

Ja, und das hat schon in den Achtzigern begonnen mit der Suche nach Lustmaximierung. Viele Menschen betrachten heute Sexualität als Ressource, die man gestalten und formen muss.

Wie meinen Sie das?

Früher hat man Sexualität als Trieb gesehen, für den vor allem Männer ein Ventil finden mussten. Das hat sich sehr verändert. Heute sieht man Sexualität eher als aktive Lustsuche oder Lustgestaltung. Viele versuchen alles zu tun, um zu erreichen, was ihnen implizit an sexuellen Freuden versprochen wurde. Durch die Frauenbewegung in den Siebzigern und die folgende Schwulen- und Lesbenbewegung hat sich die Gesellschaft sexuell liberalisiert. Die Diskurse über sexuelle Gewalt zum Beispiel: Das hat viel geöffnet und enttabuisiert. Gleichzeitig gab es plötzliche mehr Studien und Veröffentlichungen über Sex - die ersten waren die Kinsey-Reports in den späten 1950ern. Und damit kam die Möglichkeit des Vergleichens auf: Wo auf der berühmten Normalverteilungskurve befinde ich mich? Bin ich normal? Das hat auch zu dem modernen Mantra geführt: "Wenn du dich nur genug anstrengst, wenn du nur genug an dir arbeitest, dann findest du den richtigen Partner oder die richtige Partnerin - und dann hast du die Sexualität, die dir versprochen wurde. Wenn du dich anstrengst, kannst du alles erreichen!" Es ist in Vergessenheit geraten, dass vieles auch Glückssache ist. Es ist unmodern, Beziehungssuche als Glückssache anzusehen, aber so ist es oft.

Auch das Thema Orgasmus wird oft eher angestrengt behandelt.

Das ist ein Thema, das nicht abreißt. Vielleicht weil der Orgasmus auch "Höhepunkt" genannt wird. Es gibt immer noch die Vorstellung, dass Sexualität im Orgasmus gipfeln muss - und dass diese paar Sekunden das Nonplusultra darstellen. Aber die Studien, in denen Menschen befragt werden, sagen etwas ganz anderes. Viele Frauen und auch Männer, die selten oder keinen Orgasmus erleben, beschreiben ihre Sexualität als sehr zufriedenstellend.