Zum Beispiel?

Politik, Prävention und Bildung. Wie kann sexuelle Bildung dazu beitragen, die Sensibilität zu fördern? Dass sich auch viele Männer der "MeToo"-Debatte angeschlossen haben, finde ich toll. Aber im öffentlichen Auge ist es immer noch eine Zementierung des alten Geschlechterkampfes Männer gegen Frauen.

Auch von Klischees: der grapschende Mann als Triebtäter, die Frau als hilfloses Opfer?

Ja, und das finde ich sehr schade. Ich habe einmal eine Schulung gehalten für angehende Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen. Es waren nur zwei Männer in einer Gruppe von dreißig. Die haben mir erzählt, dass sie noch unsicher sind, ob sie wirklich einmal als Pädagogen arbeiten wollen, weil für Männer völlig andere Auflagen gelten als für Frauen. Zum Beispiel dürfen männliche Betreuer nicht mit Kindern alleine in einem Raum sein, weil die Idee der sexuellen Übergriffe so präsent ist. Ständig in die Rolle des Täters gedrängt zu werden, kann das Selbstbild verändern. Ich erlebe viele Männer als sehr verunsichert. Was noch dazu kommt: Es wurde viel getan, um Frauen aus der Opferrolle herauszuholen. Selbstverteidigungskurse an Schulen richten sich zum Beispiel meistens an Mädchen. Aber es spricht keiner über sexuelle Gewalt gegenüber Jungen. Es gibt auch kaum Stellen, die sich mit dem Thema befassen. Den Jungen signalisiert das: Männer sind Täter, niemals Opfer.

Was macht die Opferrolle mit den Frauen?

Ich erlebe viele Frauen, die Schwierigkeiten haben, ihre Sexualität aktiv zu gestalten. Die es schwierig finden, ein "Ja" zu finden oder ein "Das nicht, aber das schon". Lustvolle Sexualität braucht aber Jas und Neins - und alles dazwischen. Wir bestärken Frauen in der Abgrenzung, aber nicht in einem positiven, selbstbestimmten Ja. Wenn ich immer nur Neins gelernt habe, werde ich vielleicht auch Situationen, in denen jemand meine Grenzen überschreitet, erst nachher als solche erkennen. Und Männer alleine dafür verantwortlich machen zu wollen, das Nein einer Frau vorab hellseherisch zu erfassen oder gar für sie zu definieren, führt das Anliegen von "MeToo" bezüglich weiblicher Selbstermächtigung für mich völlig ad absurdum.