Achternbusch hat sie nahezu wortwörtlich einem Onkel abgelauscht, doch was er auf die Bühne bringt ist kein Voyeurismus, der es Großstadtintellektuellen und Bildungsbürgern erlaubt, sich über den Irrglauben eines Provinzlers und seine unzureichende Sprachbeherrschung amüsieren zu können. Vielmehr begegnet uns hier eine anrührende Botschaft aus einem in der Moderne überwunden geglaubten Provinzleben, dessen Fortexistenz sonst in vergleichbarer Weise nur in den frühen Büchern von Franz Innerhofer oder Josef Winkler zugänglich wurde.

"Wildes Denken"

Überhaupt ist die provinzielle Herkunft der Schlüssel zum Verständnis der Kunst von Herbert Achternbusch. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als uneheliches Kind eines Zahnarztes und einer Sportlehrerin in München zur Welt gekommen, die sich später mit einer Pistole erschoss, wuchs er bei seiner im Bayerischen Wald lebenden Großmutter auf. Damit ist seine Kindheit und Jugend bestimmt von fast schon prä-zivilisatorischen Bedingungen, ein Leben ohne Strom, elektrisches Licht und fließendes Wasser mitten in der Natur. Seine dabei erworbene "Verwilderung" hat sich Achternbusch bis ins hohe Alter bewahrt.

Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss hat anhand sogenannter Primitiver die Vorzüge einer "pensée sauvage", eines "wilden Denkens" also, gegenüber dem an Vernunft und Logik ausgerichteten technologischen Denken dargestellt. Achternbusch ist dementsprechend ein wilder Künstler, der keine Eingrenzung auf bestimmte Bereiche oder Genres kennt, sondern sich ganz allein von seinen persönlichen Impulsen geleitet eines bastlerischen Verfahrens bedient, das in dezidiertem Gegensatz zum sozusagen ingenieursmäßigen Vorgehen der anerkannten Filmemacher, Schriftsteller, Theaterautoren und Maler steht.

Bedenkenlos wird bei Achternbusch bereits bestehendes Textmaterial in anderen Medien recycelt, einen Unterschied zwischen Leben und Kunst kennt er nicht. Seine Bibliografie ist ein einziges Chaos sich über mehrere Verlage erstreckender und jeweils Fragment gebliebener Werk- und Gesamtausgaben. Das Tiefsinnige trifft auf das Triviale, das Tragische kollidiert mit dem Absurden, etwa wenn im Film "Das letzte Loch"(1981) die von Achternbusch gespielte Hauptfigur Nil die sechs Millionen im Holocaust getöteten Juden vergessen will, indem er für jeden Ermordeten einen Schnaps trinkt, was ihm aber natürlich nicht gelingt, sodass er sich ertränkt.

Widerspenstig jung

Wie nahe Achternbusch einem "wilden" Kunstbegriff steht, zeigen seine Bilder und Skulpturen schon auf den ersten Blick. Er bevorzugt für seine oftmals großformatigen Bilder insbesondere Aquarell- und Mischtechniken, wobei er mit der Farbe ausgeprägt impulsiv umgeht. Die poetisch sensiblen, kraftvollen und phantastischen Arbeiten, denen zumeist mythologische Motive zugrunde liegen, weisen eine unverkennbare Nähe zu jener Außenseiterkunst sogenannter Naiver auf, die als "art brut" in der Kunstwissenschaft ein Obdach gefunden haben.

Achternbusch sieht einen solchen Vergleich sicher als eine Auszeichnung an, da er in den Interviews immer gerne betont, in erster Linie ein Depp zu sein. Denn er weiß: Narren und Kinder sprechen immer die Wahrheit. Achternbusch hat es geschafft, ein genialer Depp zu werden, indem er sich seine Kindheit nicht nehmen ließ. Heute hat er sich als einer der bemerkenswertesten deutschsprachigen Außenseiterkünstler erwiesen, der in Würde gealtert und zugleich im unverändert widerspenstigen Geiste jung geblieben ist.