Er sucht und findet Anmut in der Unordnung, das Bestehende im raschen Wandel. Ein Konzept, das sich stark an die zen-buddhistische Ästhetik des Wabi-Sabi anlehnt - und so ungefähr das Gegenteil einer zentrierten, symme-trischen und herausgeputzten Vorstellung von Schönheit ist. Schon allein deswegen mag sich der Kosmopolit, der auch schon in Paris und Amsterdam gelebt hat, einen Wegzug aus Tokyo nicht vorstellen:

"Das ist alles so anders hier als die deutschen Reihenhäuschen oder auch die Architektur von Paris. Auf den ersten Blick mögen die Häuserzeilen, die Haussmann seiner Stadt angelegt hat, ja schön erscheinen. Doch mit der Zeit wirken sie einfach langweilig und monoton. Ganz das Gegenteil von Tokyo, wo man in diesem manchmal chaotischen Nebeneinander zusammenhangloser Teile immer Neues entdecken kann. Das bauliche Chaos, die elektrischen Leitungen, die außen verlaufen. Das alles sind Strukturen, die fotografisch viel interessanter sind."

Elixier Freundschaft

Das erste Mal habe ich Gui Martínez auf dem Bildschirm meines Laptops gesehen. Da packt in einem Video ein junger, gut aussehender Typ seinen alt aussehenden Fotoapparat, ein paar Rollen Film und fährt zu einem Shooting mit einer sehr schönen japanischen Frau. Kommt erschöpft nach Hause, greift sich den Schlüssel zu seiner alten Yamaha und fährt raus aus der sehr großen Metropole Tokyo in die herbstliche Landschaft Japans.

Jetzt sitzt er mir gegenüber, in einem kargen, mehrere Räume großen Studio in der Nähe des Modeviertels Harajuku, aus dessen Fenstern man die Skyline der Stadt sehen kann. Ob er das häufiger macht, Rausfahren, um von seiner Arbeit zu entspannen? "Nicht wirklich", sagt er lächelnd, "ich bin in der glücklichen Situa- tion, dass ich die Arbeit und das Reisen nicht trennen muss, das ist alles eins in meinem Leben. Selbst wenn ich die unterwegs gemachten Fotos nicht an ein Magazin verkaufen kann, habe ich mich doch auch fotografisch weiter entwickelt, habe Neues ausprobiert."

Als Martínez vor zehn Jahren nach Tokyo kam, nach Stationen in seinem Heimatland Brasilien und London, wo er zur Schule ging und als Assistent bei einem Art Director arbeitete, war die Stadt zunächst einmal ein Schock für ihn. "Diese Massen, immer in Eile, und so uniform, so konservativ. Kaum ein Lächeln in den Gesichtern. Die Menschen wirkten immer gestresst auf mich." Doch seltsam, schon bald stellte er fest, dass er gerade in Tokyo schneller als irgendwo sonst Freundschaften knüpfte, noch dazu solche, die haltbarer waren als zuvor.

"Klar gibt es hier diese starke Tendenz, sich der Mehrheit anzupassen. Abweichung ist nicht sehr angesehen. Aber die Leute, die eben nicht so ticken wie die meisten, finden sich gerade deswegen schnell. Und sie bleiben zusammen, egal ob Japaner oder Ausländer, Künstler oder Angestellte im Restaurant. Wenn man bedenkt, dass der Großraum Tokyo rund 35 Millionen Einwohner hat, ist diese Minderheit noch immer sehr zahlreich."