Martínez’ Lebenselixier sind Freundschaften, er kann gut mit Menschen, und das sieht man seinen Porträts und Modestrecken auch an. Zahllose Freunde hat er anfangs in Tokyo fotografiert, von denen einige in der Fashion-Szene arbeiten, die zeigten ihre Porträts dann anderen, und so bahnte er sich langsam seinen Weg in die hart umkämpfte Branche. Geholfen hat ihm sicher sein Charme und seine sehr spezielle Form der Fotografie. Martínez arbeitet nur mit analogen Kameras, mit Dia-Filmen, die man sehr genau belichten muss. Seine Bilder haben eine warme, pastellfarbene Intensität, strahlen Sinnlichkeit und Lebensfreude aus. Nicht selten bearbeitet er die Abzüge nachträglich noch mit der Hand, um einen weichen, traumartigen Look hinzubekommen.

Gui Martínez’ Bilder haben eine warme, pastellfarbene Intensität: Hier eine Aufnahme von Tokyo. - © Gui Martínez
Gui Martínez’ Bilder haben eine warme, pastellfarbene Intensität: Hier eine Aufnahme von Tokyo. - © Gui Martínez

Martinez liebt die natürlich wirkende Unschärfe in der analogen Fotografie. Vor allem aber liebt er Farben. Vielleicht sein brasilianisches Erbe? Er lacht: "Kann schon sein!" Anders als viele Zugezogene war der Fotograf nie sonderlich fasziniert von einer spezifisch japanischen Ästhetik, weder in der traditionellen buddhistischen Variante, noch in der popkulturellen Manga-Form. Eher ist es so, dass ihm die Fremdheit der japanischen Kultur dabei geholfen hat, seinen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Japanisch spricht er gut genug, um mit seinen Auftraggebern kommunizieren zu können, aber wiederum nicht so gut, dass man von ihm erwarten würde, die unzähligen Verhaltensregeln einzuhalten.

Tokyo gibt ihm die Carte Blanche, er selbst zu sein. "Ehrlich gesagt, bin ich auch froh, von all den typisch westlichen Beziehungsgesprächen verschont zu sein. In Japan kehrt man sein Ego nicht so nach außen, man ist bescheidener und weniger individualistisch. Ich kann mich hier lauter denken hören", sagt er mit schlagender Offenheit. Und wenn Tokyo mit seinen Massen lauter zu werden droht als sein Denken, setzt sich Martinez auf die alte Yamaha, fährt auf gut ausgebauten Straßen in ein Beach-Haus außerhalb der Stadt, das er sich mit Freunden teilt, und hört bloß das Rauschen des Meeres, wenn er auf seinem Surfbrett steht.

Die dunkle Energie

Jeder in dem kleinen japanischen Ort wusste, wo der örtliche Gangster wohnte. Auch Mark Pearson, der in der Bar seiner Schwiegermutter aushalf und ihn alle paar Wochen sah, wenn er kam, um das Schutzgeld einzutreiben. Das war Anfang der 80er Jahre. Und Japans Geschichte nach dem Krieg eine ökonomische Erfolgsgeschichte, nur mit jener Deutschlands vergleichbar. Aber zu einem hohen Preis. "Es gab viel offenes Gangstertum und Gesetzlosigkeit damals", sagt der schlanke, feingliedrige Engländer und bestellt auf Japanisch einen Grünen Tee.

"Die Fotografie spiegelte das wider. Araki und Daido Moriyama streiften damals durch Shinjuku. Sie zeigten das Nachtleben, die Bars und Bordelle. Die ganze dunkle Energie, die Japan früher hatte, und die es vielleicht noch gibt, die aber nicht mehr sichtbar ist." Er hält inne und überlegt: "Animal Spirits", sagt er dann mit einem sanften Lächeln und nimmt einen Schluck von dem Tee. "Animal Spirit" ist so ziemlich das Letzte, was dem heutigen Besucher des aufgeräumten und straff organisierten Tokyo in den Sinn kommt, wenn er durch die Stadt läuft. Schon gar nicht hier in den Galerieräumen in Daikanyama, wo eine Messe für Fotografie stattfindet. Es ist ein Ort direkt am jungen Herzen Tokyos, in Shibuya, aber hier gleiten Bentleys still durch ruhige Straßen, an Nobelrestaurants und Boutiquen vorbei.