"Wiener Zeitung": Herr Burger, wann haben wir damit begonnen, uns obsessiv mit unserer eigenen Geschichte zu beschäftigen?

Rudolf Burger: Wir sprechen erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts von "der Geschichte". Geschichte als einstelliger Begriff - also ein Phänomen, das zugleich Subjekt und sein eigenes Objekt ist und das auch über eine eigene Logik verfügt - ist deshalb kaum älter als die Dampfmaschine. Und erst mit der deutschen Nationalstaatsbildung, dem italienischen Risorgimento wurde sie zu einer akzentuierten politischen Legitimationswissenschaft. Die Manie, mit der uns Geschichte heute so beschäftigt, begann aber erst vor rund dreißig Jahren. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Aus meiner Sicht hat Geschichte als Legitimationswissenschaft damals, Ende der 1980er Jahre, der theoretischen Soziologie und der politischen Ökonomie den Rang als gesellschaftliche Leitwissenschaft abgelaufen.

Wie ist es dazu gekommen?

Auch hier kann ich nur Vermutungen anbieten. Vielleicht hat es mit der Delegitimierung der hegelianisch inspirierten marxistischen Geschichtsphilosophie durch die Zäsur von 1989 zu tun. Es gibt heute keine Vorstellung mehr davon, wie sehr die marxistische Geschichtsphilosophie sämtliche intellektuellen Auseinandersetzungen über ein Jahrhundert hinweg bestimmt hat. Mit dem Ende der Sowjetunion bricht dieser Überbau in sich zusammen. In diesem Zusammenhang war "Das postmoderne Wissen" des französischen Philosophen Jean-François Lyotard von 1979 einer der interessantesten Texte; dabei war das eigentlich nur ein Gutachten für die Regionalregierung von Quebec. Lyotard postulierte die These vom Ende der großen Erzählungen, der großen Narrative - und er meinte damit das Ende der hegelianisch-marxistischen Emanzipationserzählung. Die Folgen waren enorm. Das Ende der großen Erzählungen hat zur Freisetzung unzähliger kleiner Narrative geführt. Von da an haben zahllose Minderheiten, nationaler, sozialer oder sexueller Art, ihre je eigene Erzählung entwickelt.

Wie hat sich dadurch unser Blick auf Gegenwart und Vergangenheit verändert?

Weil es bei diesen Erzählungen oft um Verletzungen und Benachteiligung geht, kam es zu einer Privilegierung der Opferrolle, und zwar Opfer im Sinne des Englischen "victim", nicht "sacrifice". Diese Unterscheidung gibt es im Deutschen so nicht. Opfer erhielten nun eine moralisch privilegierte Position zugewiesen. Das war neu.

Die Wurzeln dieser Entwicklung liegen in der "Affirmative Action" unter US-Präsident Johnson Mitte der 1960er Jahre. Deren Ziel war eine zeitweilige Bevorzugung der Schwarzen, begründet durch ihre besondere Unterdrückungsgeschichte. Im Laufe der Zeit haben sich auch andere Gruppen, die sich benachteiligt gefühlt haben, daran angehängt, ethnische Minderheiten, Homosexuelle, Juden oder Frauen. Jede dieser Gruppen hat für sich eine moralisch aufgeladene Partialgeschichte entwickelt, in der sie sich als Opfer beschreibt. Und in dieser Rolle stehen die verschiedenen Gruppen nun in direkter Konkurrenz.