Geschichte im hegelianisch-marxistischen Verständnis hatte ein Ziel, eine klare Richtung. Gilt das auch für die neue Vielzahl an historischen Erzählungen?

Nein, nicht in dem Sinne, wie es in der geschichtsphilosophischen Auffassung als "telos", als Endzweck der Weltgeschichte, verstanden wurde. Aber die vielen Narrative haben eine unmittelbar pragmatische und politische Funktion, von daher sind sie und ihre Motive strikt gegenwartsbezogen. Es gibt aber Anzeichen für einen Umschwung. Immer öfter hört man heute die Forderung, eine Gruppe oder ein politisches Projekt müsse ein "Narrativ" entwickeln, besonders häufig ist davon in Bezug auf die Europäische Union die Rede, aber es gilt auch für traditionsreiche Parteien in einer Krise, etwa die Sozialdemokratie. Dass solche Erzählungen offensiv eingefordert werden, ist neu. Ich bezweifle, dass dies eine besonders kluge Entwicklung ist, denn diese Parteien und Politiker geben damit ja selbst zu, dass es sich nur um Narrationen, also um gezielt literarische Konstruktionen handelt. Der Anspruch, eine unumstößliche Wahrheit zu verkünden, ist so nicht aufrechtzuerhalten. Zwar werden die Erzählungen allein deswegen noch nicht falsch, aber ihre moralische Verbindlichkeit verliert ihre ontologische Basis. Ein Historiker wie Leopold von Ranke (1795-1886) hat für sich ganz selbstverständlich in Anspruch genommen, die wahre Geschichte, ja die Wahrheit selbst zu erzählen. Indem alle nur noch von Narrativen sprechen, geht dieser Anspruch verloren.

"Meine Befürchtung ist, dass die politische Rechte das Unternehmen ,Legitimation durch Geschichte‘ immer noch besser beherrscht als die Linke, einfach weil sie dieses Geschäft immer schon betrieben hat." - Rudolf Burger.
 - © Hämmerle
"Meine Befürchtung ist, dass die politische Rechte das Unternehmen ,Legitimation durch Geschichte‘ immer noch besser beherrscht als die Linke, einfach weil sie dieses Geschäft immer schon betrieben hat." - Rudolf Burger.
- © Hämmerle

Die Forderung nach einer "neuen Erzählung", sei es für Europa, die Sozialdemokratie oder den Kapitalismus, entsteht aus der Angst, dass sich ohne überzeugendes Narrativ die Menschen von einer Idee abwenden. Gleichzeitig untergraben wir mit immer neuen Erzählungen unseren eigenen Anspruch auf historische Objektivität. Wenn aber unsere Wirklichkeit nur noch als Konstruktion begriffen wird, kommt das einem bewussten Selbstbetrug gleich, einer Kampfansage an die Ideen der Aufklärung. Man könnte darin aber auch das Eingeständnis erkennen, dass der Mensch doch nicht jenes von der Vernunft geleitete Verstandeswesen ist, als das wir uns so gerne sehen.

Lassen Sie mich darauf etwas schräg antworten. Ist dieser, salopp formulierte, politisch aufgeladene Neo-Historismus ein gegen die Aufklärung gerichtetes Phänomen? Aus meiner Sicht, ja. Wenn wir uns die Motive der klassischen Aufklärer anschauen, dann ging es stets darum, die Last der Geschichte abzuwerfen, reinen Tisch zu machen und kraft eigener Vernunft die Welt neu zu denken. Kants Ziel war die Stärkung des menschlichen Verstands gegenüber allen traditionellen Verpflichtungen. Es geht hier um die Stärkung des Einzelnen gegenüber der Gruppe, gegenüber allen Gruppen. In ihrem Ursprung ist die Aufklärung also anti-religiös und anti-historisch.