Der Untertitel meines Essays "Wozu Geschichte?" lautet: "Eine Warnung zur rechten Zeit". Daraus könnte der Eindruck entstehen, ich wende mich gegen die aktuelle Geschichtsforschung, die in ihrer groben Tendenz linksliberal und emanzipatorisch ausgerichtet ist. Das tue ich ausdrücklich nicht, ganz im Gegenteil. Meine Befürchtung ist vielmehr, dass die politische Rechte das Unternehmen "Legitimation durch Geschichte" immer noch besser beherrscht als die Linke, einfach weil sie dieses Geschäft immer schon betrieben hat. Ich will davor warnen, dass die Patentierung historisch gewachsener Verpflichtungen oder Mahnungen der Geschichte in letzter Instanz stets der Reaktion in die Hände spielt. Indem sie eine moralisch aufgeladene Geschichte für ihre politischen Zwecke in der Gegenwart instrumentalisieren, spielen Progressive und Linke mit einem Feuer, das sie nicht beherrschen können. Wovor ich mich wirklich fürchte, das ist, dass ganz am Ende die Reaktion von der Strategie der Linken profitiert.

Was ist der eigentliche Kern dieser Debatte?

In letzter Instanz geht es um die Frage, ob universelle Menschenrechte auch Bürgerrechte dominieren. Das ist für mich der Glutkern fast aller aktuellen Debatten. Eine ernsthafte Durchsetzung universeller Menschenrechte unabhängig von nationaler, ethnischer, geografischer oder kultureller Zugehörigkeit gerät zwingend in einen massiven Widerspruch zur politischen Organisa-tion von Staaten, seien es nun Nationalstaaten oder Staatenbündnisse wie die EU. Wie dieser Konflikt ausgeht, wage ich nicht vorherzusagen.

Sind das tatsächlich zwei gegensätzliche Prinzipien? Oder lassen sich Menschenrechte nicht auch durchsetzen, ohne dadurch alle zu gleichberechtigten Bürgern zu machen?

Als reine Prinzipien widersprechen sie einander, einfach weil Menschenrechte universell, Bürgerrechte jedoch partikular sind. Unterhalb dieser Ebene gibt es natürlich eine Reihe unterschiedlicher Kompromisse. Das Folterverbot gilt, ohne dass alle Menschen Staatsbürger werden. Wenn Menschenrechte aber auch den Bezug von Subsistenzleistungen umfassen, wird es schon schwieriger, allein der Kosten wegen. Und das verschärft sich, wenn man die Frage stellt, wann eine Verletzung von Menschenrechten eine verpflichtende militärische Intervention nach sich zieht: Ist das militärisch überhaupt möglich, mit welchen Folgen? Hier beginnt die politische Auseinandersetzung.

Zurück zum Thema Wahrheit und Geschichte: Noch in den 1980er Jahren wurde gelehrt, dass Österreich-Ungarn und das Deutsche Kaiserreich Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten. Heute ist die Rede von einem kollektiven Versagen, das einen lokalen Konflikt zum Flächenbrand eskalieren ließ. Ist das jetzt die Wahrheit?

Es gibt keine geschlossene historische Wahrheit, weder von den Weltkriegen noch von der Französischen Revolution oder anderen komplexen Zäsuren. Meine Sorge im Hinblick auf die gegenwärtige Aufarbeitung von Vergangenheit besteht darin, dass die größten Scheußlichkeiten irgendwann in einen Mythos verwandelt werden. Auf diese Weise wird exakt das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich das Ziel sein sollte. "Die Grenze zwischen Aufarbeitung und Propaganda ist hauchdünn." Dieser kluge Satz stammt vom 2017 verstorbenen österreichischen Kunstwissenschafter Peter Gorsen. Den neonazistischen Schlägertypen in Ostdeutschland müssen Sie nichts über die Gräueltaten der Nazis erzählen, die wissen das besser als wir beide. Sie affirmieren diese Taten. Die Existenzrechtfertigung der DDR war der Antifaschismus; und zwei Jahre nach dem Zusammenbruch ist das alles wieder aufgebrochen. Das ist es, was mich so skeptisch macht in Bezug auf unsere Form der Vergangenheitsbewältigung.