Wie sollten wir dann mit unserer Vergangenheit umgehen?

Ich würde ein distanziertes Verhältnis empfehlen. Leider traue ich mir nur negative Aussagen zu. Ich misstraue etwa dem Ruf nach "mehr Bildung", wo immer auch nur irgendein Problem auftaucht. Wissen Sie, Deutschland hatte vor 1933 die besten humanistischen Gymnasien; und die höchste Akademikerdichte fand sich damals im Reichssicherheitshauptamt. Natürlich glaube ich umgekehrt auch nicht, dass Unbildung uns vor irgendetwas schützt. Ich weiß schlicht keine Antwort, deshalb halte ich auch Adornos "Negative Dialektik" für eine der wichtigsten philosophischen Schriften des 20. Jahrhunderts. In einer Passage schreibt er: "Moralische Sicherheit existiert nicht. Sie unterstellen wäre schon unmoralisch, falsche Entlastung des Individuums von dem, was irgend Sittlichkeit heißen dürfte."

Moralische Fragen stellen sich bündig: Es soll nicht gefoltert werden. Es sollen keine Konzentrationslager sein. Bedingungslos. In dem Moment, wo hier eine Ableitung versucht wird, gerät alles ins Rutschen. Etwa ob Folter nicht doch zulässig sein könnte, wenn dadurch viele Leben gerettet werden könnten. Das darf höchstens als Impuls sein, aber rationalisiert darf es nicht werden. Walter Benjamin hat einmal gesagt: "Der Vollzug der Todesstrafe kann moralisch sein, ihre Rechtfertigung niemals."

Sie beklagen die Hochkonjunktur der Narrative, aber bestätigt das nicht nur die Einsicht, dass wir Menschen uns darüber definieren, welche Geschichten wir uns gegenseitig von uns selbst erzählen - einst am Lagerfeuer, heute eben via Massenmedien und Internet?

Ja, wir sind Geschichten erzählende Wesen, wir erschaffen unsere Identität und unsere Kultur aus dem Wesen jener Geschichten, die wir uns erzählen.

Darin liegt auch die Chance, dass sich der Mensch von den Fesseln einer womöglich drückenden Wirklichkeit befreien und sich so zu Höherem berufen fühlen kann. Ihr Skeptizismus unterschlägt diese Möglichkeit zur Selbstermächtigung.

Da haben Sie schon Recht, das Problem ist nur: Das Gegenteil ist auch wahr, und darin liegt die Crux der Sache. Worauf sich alle Menschen relativ schnell einigen können, ist der kategorische Imperativ Kants: Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit die Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden
könnte. Aber da beginnt erst das Problem: Denn was ist die richtige gesellschaftliche Ordnung? Lenin hatte da eine andere Vorstellung als Churchill.

Was, wenn die Botschaft einer Geschichte lautet: "Alle Menschen seien Brüder"?