Das wäre natürlich schön, aber wir sollten nicht vergessen, dass Kain und Abel das erste Brüderpaar waren; dann hat Kain den Abel erschlagen.

Politik muss heute, um Mehrheiten zu organisieren, schlüssige Geschichten erzählen. Also konstruiert sie solche Erzählungen, was ihren Anspruch auf Wahrheit schmälert und so wiederum Mehrheiten erschwert. Kennen Sie einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Nein. Aber schon die Tatsache, dass jene, die diese Erzählungen vortragen, offen sagen: "Wir schaffen jetzt eine Erzählung", ist entweder naiv oder zynisch. Sowohl die Vertreter einer objektiven Historiografie wie Ranke als auch die futuristisch-utopisch gewendeten Geschichtsphilosophien nach Hegel wären nie auf die Idee gekommen, eine bloße Geschichte zu erzählen. Deren Anspruch war, die objektive Wahrheit zu sagen. In einem Moment jedoch, wo das Bewusstsein bereits so reflexiv geworden ist, dass wenn wir eine Wahrheit hören, wir diese sofort als konstruierte Geschichte aufnehmen, verliert diese Erzählung jede Verbindlichkeit.

Aber Gott und alle Ideologien sind tot. Hinter dieses Wissen können wir nicht mehr zurück.

Ja, und eben das ist der Kern des Problems. Das vollkommen aufgeklärte Bewusstsein glaubt es nicht mehr, wenn man ihm eine Geschichte von Europa oder sonst irgendetwas erzählen möchte. Weil es weiß, dass es nicht wahr ist.

Wie bleibt dann Politik möglich, die über einen bloßen Ausgleich materieller Interessen hinausreicht?

Das weiß ich nicht. Ich bin kein Politiker. Wenn diese Diagnose tatsächlich stimmig und für die meisten Menschen schlüssig ist, dann stehen wir vor einem massiven Problem, vor einer ideologischen Anomie. Wir stehen dann vor einer Gesellschaft ohne feste Normen und Werte.