"Wiener Zeitung": Herr Wilhelm, Sie sind Bauer, Umweltschützer, Publizist und Polit-Blogger. Sie selbst bezeichnen sich auch als "Zuspitzer". Ihr Werkzeug ist die polemisch-pointierte Sprache. Wann haben Sie die Wirksamkeit dieser Waffe für sich entdeckt?

Markus Wilhelm: Oje, da muss ich gleich etwas richtigstellen: Ich bin nicht als Erstes Bauer. Mein Leben ist das eines Schreibenden. Meine Eltern, beide weichende Bauernkinder, haben in den 60ern im Ötztal eine kleine Berglandwirtschaft gekauft, steil und schrofig. Die war lange verpachtet, bevor ich sie vor etwas mehr als zwanzig Jahren übernommen habe. Seitdem bin ich Nebenherbauer. Ich bin auch nicht Umweltschützer, quasi als Beruf, sondern die Umwelt ist - wie vieles andere auch - Thema in meinem Blog. Und von einer Waffe würde ich bei der Sprache auch nicht gern reden, zumindest bei mir nicht, sondern von einem Werkzeug.

Wann also haben Sie die Wirksamkeit dieses Werkzeugs für sich entdeckt?

Schon in meinem Elternhaus gab es die Marotte, bei fast jeder Unterhaltung die Worte umzudrehen, Redewendungen auseinanderzunehmen, hinter jedem Ausdruck einen zweiten Sinn zu suchen, eine Pointe drauf zu setzen, insbesondere in Gesprächen mit meinem Vater. Wörter allein bedeuten nicht viel, jedem Menschen steht der gesamte Duden zur Verfügung. Es geht darum, wie präzise man sie einsetzt. Man kann eine Geschichte verscheißen oder ihr mit den richtigen Worten auch den richtigen Spin geben. Wenn die "Tiroler Tageszeitung" - hypothetisch jetzt - und ich über denselben Vorfall schrieben, kämen zwei völlig verschiedene Dinge heraus.

Ihre Blog-Enthüllungen haben ja schon Rücktritte im Bereich der Politik und Kultur verursacht. . .

In Tirol, hat man mir gesagt, sei es die härteste Strafe, auf meiner Website zu landen (lacht).

Auf Ihrem Blog "dietiwag.org" machten Sie u.a. auch die Vorwürfe des Machtmissbrauchs rund um Gustav Kuhn publik, dem künstlerischen Leiter der Tiroler Festspiele Erl. Spätestens seit dessen Rücktritt zählen Sie zu den bekanntesten Polit-Bloggern Österreichs. Freut Sie das oder stehen Sie persönlich nicht gern im Blickpunkt der Öffentlichkeit?

Die Geschichten brauchen Öffentlichkeit, ich nicht. Es ist ja Gott sei Dank immer wieder so, dass die Gegenseite kräftig mithilft, meine Geschichten groß zu machen, zum Beispiel, indem man mir Klagen anhängt, die durch die Presse gehen. In Tirol klagt mich mittlerweile kaum noch jemand, man hat offenbar gelernt, aber im Rest von Österreich hat man das noch nicht so mitbekommen, auf was man sich da einlässt. Im Fall Kuhn und Haselsteiner sind es, Stand heute, sechzehn Klagen, die man bei Gericht gegen mich eingebracht hat, ein paar sind schon ausverhandelt, neun oder zehn sind aktuell noch anhängig.