Wie wichtig ist die Rolle des Tanzlehrers? Mein Eindruck ist, dass der Unterricht manchmal zu schematisch erfolgt, weil er auf Hinschauen und Nachahmen beruht. Sollen Tanzlehrer auch handgreiflich werden?

Ich kann die Bewegung erklären und mir dabei den Mund fusselig reden. Es ist oft einfacher, jemanden bei den Schultern zu packen und spüren zu lassen, wohin der Impuls gehen soll. Von einem Moment auf den anderen stimmt dann die Bewegung. Gerade der Tango ist dafür ein gutes Beispiel. Das sollte eigentlich eine gezogene Bewegung sein, und man kann sich zehn Stunden verzweifeltes Üben ersparen, wenn man da hineingeschubst wird. Wie ist es denn, wenn man einem Kind das Radfahren erklärt? Man erklärt es eben nicht, man hält das Rad beim Sattel und läuft einfach mit, dann geht es von selbst. Wenn ich als Tanzlehrer jedoch Berührungsängste habe, wird es schwierig. Tanzen ist etwas Körperliches.

Wie geht es den Tanzenden damit?

Manchmal stimmt die Bewegungsidee nicht ganz, oder es geht nur um Kleinigkeiten, etwa die Haltung oder die Schrittgröße. Da ist es hilfreich, wenn man sich als Tanzlehrer-Paar trennt. Manchmal sind Paare verschreckt, wenn ich ihnen einen kurzen Tanzpartner-Tausch vorschlage. So lässt sich aber besser erklären, worum es geht, zum Beispiel: Du machst es dir und deiner Begleitung leichter, wenn du bei der Drehung den Schritt vorwärts eine Spur kleiner machst. Solche Hinweise kann einem der Partner kaum geben, denn er oder sie kämpft ja selbst.

Ich als Tanzlehrer kann aber sehen, wenn jemand vielleicht zu enthusiastisch ist bei einem Schritt und dem Partner einen Impuls gibt, mit dem er nichts anfangen kann. Wenn die Tanzlehrerin mit dem Herrn tanzt, kann sie auch genau sagen, wenn es zum Beispiel an einer Stelle an Schwung mangelt oder zu viel davon da ist. Die Information fließt schneller, wenn man Tanzen durch Tanzen vermittelt. Ich bin mir schon bewusst, dass es eine außergewöhnliche Situation ist, dass alle diese Menschen mir erlauben, ihnen zu sagen, welcher Fuß jetzt sozusagen in die Hand zu nehmen ist. Und deshalb versteife ich mich auch nicht darauf, jede Kleinigkeit zu korrigieren. In einer Woche schaut das oft ganz anders aus.

Was kann in einer Woche passieren?

Nehmen wir zum Beispiel den ersten Abend des Grundkurses. Ich zeige den Grundschritt für den langsamen Walzer: Vor, Seit, Schluss, Rück, Seit, Schluss. Das sieht bei allen, die es zum ersten Mal versuchen, ein bisschen nach Pinocchio aus, hölzern. Dies deshalb, weil der Muskel, der für die Seitwärtsbewegung sorgt, nicht trainiert ist. Den braucht man einfach nicht im Alltagsleben. Am ersten Abend wird der Muskel einfach ein- und ausgeschaltet, erst am zweiten oder dritten Abend lässt er sich dosiert bewegen. Es sieht plötzlich nach Tanz aus. Das ist jedes Mal ein kleines Wunder.