Tanzen soll ja Medizin sein, es gibt viele Studien, die bei so manchem Leiden Besserung durch Tanzen anzeigen. Teilen Sie diese Erfahrung?

Bei den Standardtänzen, besonders denen mit einer engen Tanzhaltung, habe ich jederzeit die Möglichkeit, ein wenig von meinem Ungleichgewicht auf den Partner zu übertragen. Man steht dann gemeinsam auf vier Füßen. Manchmal haben wir Veranstaltungen mit älteren Menschen. Da kommen manche Paare schon am Stock in die Tanzschule, nehmen sich in den Arm, und plötzlich tanzen sie Walzer. Das hätte man nicht für möglich gehalten, wenn man sie kommen gesehen hat. Ich habe einen älteren Tanzschüler mit Lungenproblemen. Seine Atmung hat sich im Laufe des Tanztrainings verbessert, allein schon durch die straffere, aufrechtere Haltung, die beim Tanzen nötig ist. Das macht mir Freude, mehr jedenfalls, als würde er die Kreiseldrehung perfekt tanzen. Ich will kein Dogmatiker meines Produkts sein, ich freue mich mehr über die Nebenwirkungen.

Tanz ist auch Verstellung, eine Haltung, die man vorsätzlich einnimmt. Wie wirkt diese Haltung auf die Tänzer zurück?

Der Tanzlehrer Georg Watzek in seiner Klavierbauer-Werkstatt: "Die Berufe sind vom Resultat her nicht so unterschiedlich." - © Mario Lang
Der Tanzlehrer Georg Watzek in seiner Klavierbauer-Werkstatt: "Die Berufe sind vom Resultat her nicht so unterschiedlich." - © Mario Lang

Man kann beim Tanzen herausfinden, was mit Körpersprache möglich ist und ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickeln. Die lateinamerikanischen Tänze verlangen zum Beispiel einen fast schon gierigen Ausdruck nach vorne vom Mann. Die Standardtänze brauchen wieder einen gelassenen, ausgeglichenen Körperausdruck. Wir haben ja bereits im Alltag einen bestimmten Standpunkt, und ich glaube, der entscheidet auch darüber, ob wir einen bestimmten Tanz mögen oder nicht. Jeder dieser Tänze hat ja auch einen kulturellen Hintergrund, ein Land, das dahinter steht.

Was ist zum Beispiel der Hintergrund des Wiener Walzers?

Das Ziel des Walzers ist eindeutig, sich trunken zu tanzen. Alle versuchen, beim Walzer nicht schwindlig zu werden. Aber verdammt, das ist genau das Ziel dieses Tanzes. Wenn wir nach einer Ballnacht den Gleichgewichtssinn so beleidigt haben, dass sich auch ohne Alkohol im Bett noch alles dreht, dann war es eine schöne Ballnacht.

Und was ist der tiefere Sinn des englischen Walzers?

Das Englisch, das in adeligen Häusern gesprochen wird, klingt ja immer ein wenig so, als hätten die Sprecher eine heiße Kartoffel im Mund. Und so distinguiert und ein wenig abgehoben gehört der englische Walzer auch getanzt. Also nicht so, als würde er Freude und Spaß machen. Der English Waltz braucht Zurückhaltung und Contenance, als würde die Queen persönlich zuschauen. Wogegen der Foxtrott tatsächlich die Geschmeidigkeit eines pirschenden Fuchses imitieren sollte.