Und der Tango?

Da habe ich ein Bild im Kopf: Argentinien 1920, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit. Die Damen sind eigentlich müde, sie haben den ganzen Tag in der Fabrik Zigaretten gerollt. Die Burschen sind ausgeruht, wissen vor lauter Kraft nicht, wohin, wollen etwas darstellen. So ein soziales Drama steckt im Tango.

Das bringt uns zu einem ganz anderen Rollenproblem im Standardtanz: Der Mann führt, die Frau interpretiert seinen Willen, reagiert auf seine Impulse. Ist dieses Rollenverständnis nicht überholt?

Vielleicht ist das Verständnis dafür verschüttet, aber auch das Zulassen ist eine starke Position. Wenn ich als Frau zulasse, dass ein Mann mich führt, dann ist das eben kein Ausdruck von Schwäche. Das ist eine gleichberechtigte Position. Eine Frau muss in der heutigen Gesellschaft ohnehin ihren Mann stehen.

Stimmt der Eindruck, dass eher die Frauen tanzen wollen als die Männer, dass es jedenfalls einen weiblichen Überhang gibt?

Der Eindruck ist richtig, der Tanzwunsch ist bei Frauen stärker ausgeprägt. Dabei ist das Tanzen für uns Männer gemacht. Das beginnt schon bei der Tanzhaltung. Wenn wir die Hände seitlich vom Körper weghalten und aufrecht stehen, machen wir doch eine gute Figur. Oft ist es ja so, dass das männliche Kommunikationsverhalten nicht so ausgeprägt ist. Beim Tanzen ist die Kommunikation aber nonverbal, das sollte uns in die Tasche spielen. Und bei manchen Tänzen, etwa beim Boogie, leisten die Damen mehr als die Herren, die sich tendenziell nur sparsam bewegen, während die Damen vergleichsweise viel zu tun haben.

Was ist dann die Freude der Damen beim Tanzen?

Das ist natürlich ein großes Glück, dass die Damen an uns Männern beim Tanzen so eine große Freude haben. Es gab übrigens auch Kulturen, in denen die Männer das Tanzgeschehen bestimmten. Der griechische Sirtaki ist zum Beispiel ein Männertanz. Die ganz alten Tänze sind Erzählungen. Bei den heutigen Tänzen geht es um die verschiedensten Dinge, auch um das Sich-Präsentieren und Sich-Zeigen. Das liegt den Damen mehr als den Herren. Vor allem aber liegt eine Ästethik, eine Schönheit im Tanzen, die von den Frauen gerne hervorgebracht wird. Und dann ist da noch die Musikalität. Auch als Klaviermacher sehe ich, dass es im Konzertpublikum weibliche Mehrheiten gibt.