Diese Tanzfreude scheint ja auch ein sehr österreichisches Phänomen zu sein. Wien hat ja einen ganz eigenen, auch touristisch verwerteten Ruf als Walzerstadt. Stimmt diese Zuschreibung noch?

Es gibt in Österreich tatsächlich eine breite Akzeptanz für das Tanzen. Jugendliche gehen noch immer in die Tanzschulen, viele Mädchen haben ein weißes Kleid von einer Balleröffnung im Schrank hängen. Und eine erkleckliche Anzahl von Burschen hat sich schon einmal einen Smoking für eine Tanzveranstaltung ausgeborgt. Das gibt es sonst nirgends. In Deutschland zum Beispiel gibt es im Turniertanz tolle Tänzer. Aber dass so viele Menschen einfach gerne tanzen, das gibt es dort nicht. Das ist einzigartig in Österreich. In Wien gibt es dreißig Tanzschulen allein für klassische Tänze, das ist schon eine sehr große Dichte. Die meisten sehen sich als Freizeitbetriebe, weniger als Instanz. Aber das gibt es auch, zum Beispiel die Tanzschule Elmayer, die ist als Benimminstanz grandios.

Es gibt im tanzverrückten Wien ja nicht nur die klassischen Tänze, sondern ein unglaublich differenziertes Angebot. Alles, was getanzt werden kann, wird getanzt. Wie behauptet sich in dieser Vielfalt das klassische Angebot der Wiener Tanzschulen?

Das Geschäft ist schwieriger geworden. Es gibt einerseits die zehn Gesellschaftstänze, die normiert sind und nur in Tanzschulen von geprüften Tanzlehrern unterrichtet werden dürfen. Und dann gibt es das freie Gewerbe, dazu zählt etwa der Unterricht von Tango Argentino, Salsa und Merenge. Dort kann jeder machen, was er will. Es gibt weder Prüfungen noch Qualitätskontrollen. Wir Tanzschulen haben schon einen Kulturauftrag, und wir unterrichten eben die ganze Palette des Tanzvergnügens: Nicht nur Salsa, sondern auch Rumba, Foxtrott, Tango, Walzer, Boogie und so weiter. Es ist wie die Allgemeinbildung in der Schule.

Was sagt das Publikum, will es diese Breitbandausbildung nach wie vor?

Durchaus, es gibt den Wunsch nach einer Ausbildung in den Gesellschaftstänzen. Es gibt aber auch Szenen wie zum Beispiel die Westcoast-Swing-Szene. Das sind teils Modeerscheinungen, die währen zwei, drei Jahre, tolle Gurus treten in Erscheinung, und dann ebbt alles wieder ab. Kein Mensch spricht heute noch von Zumba. Das hat sich jemand ausgedacht und auf Franchise-Basis die Schritte verkauft. Doch Zumba war doch nur eine Art musikalischeres Aerobic. Verglichen mit der Geschichte des Gesellschaftstanzes ist das alles nur ein kurzer Hype.

Ist die Ausbildung zum Tanzlehrer formalisiert?