"Wiener Zeitung": Frau Zehetner, Sie arbeiten seit fast 20 Jahren in der Familien-Beratungsstelle "Frauen* beraten Frauen*". Sind Sie bewusst Beraterin und nicht Therapeutin?

Bettina Zehetner: Ich habe selbst einige Jahre Analyse gemacht, bin jedoch zu dem Schluss gekommen, dass mir das themen- und lösungsorientierte Arbeiten, wie es in der Beratung möglich ist, mehr liegt. Als Beraterin darf ich direktiver vorgehen, wenn etwa Gewalt im Spiel ist, oder rechtliche Auskünfte geben. Hier ist die Psychotherapie doch deutlich strenger. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Ratsuchende in der Beratung in ihrer eigenen Handlungsfähigkeit sehr erwachsen bleiben kann. Sie regrediert viel weniger und empfindet sich selbst als nicht so abhängig von der Beraterin. Zu guter Letzt finde ich die Beratung auch politisch interessanter, da sie immer auch gesellschaftliche Verhältnisse miteinbezieht. Die Psychotherapie ist doch von einer großen Innerlichkeit geprägt und kann leicht zu einer Art Nabelschau werden. Bei persönlichem Leid ist dies aber natürlich berechtigt.

In Ihren Schriften nehmen Sie sehr wohl auch die Psychotherapie in die Pflicht, sich politisch zu positionieren, indem Sie die Forderung nach einer dezidiert "feministischen Psychotherapie" aufstellen. Sie verwenden dafür die Schlagworte "Politik statt Pathologisierung" - was genau meinen Sie damit?

Einige der Bücher von (oder mit Beiträgen von) Bettina Zehetner.
Einige der Bücher von (oder mit Beiträgen von) Bettina Zehetner.

Die Probleme der Menschen, die zur Beratung kommen, sind nie nur individuelle Probleme, sondern immer Teil gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Eine feministische Haltung bietet einen Ausweg aus der Individualisierung sozialer Problemlagen. Diagnosen sind als Deutungen körperlicher und psychischer Zustände immer auch abhängig von den Normen und Werten einer Kultur. In Krankheitsbildern, ihrer Interpretation und Behandlung werden Geschlechternormen inszeniert. Das gegenwärtige Bild der Depression beispielsweise ist statistisch und ikonografisch weiblich. Frauen haben ein doppelt so hohes Risiko, an einer Depression zu erkranken, bzw. Frauen werden doppelt so häufig als depressiv diagnostiziert wie Männer.

Es geht nicht darum, einer fragwürdigen "Normalität" zu entsprechen, sondern Lebens- und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, eigene Wünsche zu entwickeln und sich als Gestalterin des eigenen Lebens zu begreifen.

Mir fällt dazu eine Aussage der Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin Angelika Grubner ein, die das Buch "Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus" verfasst hat (Mandelbaum, 2017): "Ich behaupte, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Berufsgruppe eine (Abwehr-)Haltung einnimmt, die das Zusammendenken von Politik und Psychotherapie verhindert." Sehen Sie das genauso?