Das stimmt sicherlich. Allerdings erlebe ich schon, dass es mittlerweile in vielen Therapierichtungen ein Wahlfach gibt, das sich Gender-sensible oder Gender-reflektierende Psychotherapie, manchmal sogar feministische Psychotherapie nennt. Breite Gesellschaftsschichten haben nur leider momentan ein generelles Problem mit dem Begriff "Feminismus". Erst kürzlich kam eine Frau zu mir in die Beratung, die sagte: "Gestern hat mich mein Mann wieder so beschimpft." Als ich genauer nachfragte, stellte sich heraus, dass er sie "Feministin" genannt hatte - in meinen Augen ist das ein Kompliment! Mir kommt leider vor, dass sich der Mainstream gar nicht mehr damit beschäftigen will, was der Begriff überhaupt bedeutet. Feministisch steht dann sofort für radikal, männerhasserisch, kriegerisch und böse. Dass es sich beim Feminismus um ein für beide Geschlechter befreiendes Denken handelt, wird viel zu selten gesehen. Ich stelle eine große Denkfaulheit fest.

Kommerzialisiert ist der Begriff aber mittlerweile schon; man denke nur daran, dass etwa die Sängerin Beyoncé auf der Bühne steht und sagt: "I’m a feminist", oder dass H&M T-Shirts mit dem Aufdruck "Feminism" verkauft!

Richtig. Aber das sind eben inhaltsleere Formeln. Mein Anliegen wäre es, den Feminismus wieder positiv zu bewerten. Und wieder und wieder zu erklären, was dieser an Freiheiten für Frauen UND Männer bringen kann.

Bräuchte es ein anderes Wort, um die Kernbotschaften des Feminismus besser zu transportieren?

Wir haben das in der Beratungsstelle immer wieder probiert, angefangen bei "emanzipatorischer Beratung", "Gender-reflektierender Beratung" bis zu "geschlechtersensibler Beratung". Diese Begriffe sind aber doch recht holprig und wenig aussagekräftig. Außerdem geht für mein Dafürhalten der Inhalt verloren, wenn eine Sache so weichgespült daherkommt.

Kommen wir von der Theorie in die Praxis. Mit welchen Anliegen kamen Frauen 1999 zu ihnen, mit welchen heute?

Die Themen haben sich nicht wesentlich geändert. Es geht nach wie vor am meisten um den Bereich Familie und Beziehung sowie um Gewalterfahrungen, oft auch um Existenzsicherung und die eigene berufliche Laufbahn. Was sich verändert hat, ist, dass viele Frauen heute viel mehr Schuld am Scheitern einer Beziehung oder am Verlust eines Jobs auf sich nehmen. Viele sagen dann: Ich war diejenige, die es nicht geschafft hat, die Ehe aufrechtzuerhalten oder den Arbeitsplatz zu behalten. Es gibt hier einen großen gesellschaftlichen Druck auf Frauen, der auch medial vermittelt wird. Oft mündet das in psychosomatische Erkrankungen oder psychogene Schmerzen. Das sind Schmerzen, bei denen keine physische Ursache gefunden wird. Der tragische Befund für viele Betroffene heißt dann: austherapiert; dann geht es nur noch um Schmerzmanagement.

Die "Privatisierung" der Schuld ist aber doch Teil unserer individualisierten Gesellschaft insgesamt und Ausdruck eines beständig steigenden Selbstoptimierungsdrucks. Geht es Männern da nicht genauso?

Ich denke, nicht in dem Ausmaß wie Frauen. Männer schaffen es anscheinend leichter, sich zu distanzieren, zumindest die Männer jener Frauen, die zu uns kommen. Viele sagen dann zu ihren Frauen: Du hast ein Problem, geh du halt in die Beratung. Oder im ganz extremen Fall: Du bist ja verrückt. Du brauchst einen Arzt; oder: Du gehörst in die Psychiatrie!

Historisch wurden Frauen oft als verrückt abgestempelt und in die Psychiatrie geschickt. Sie haben sich diesem Thema in Ihrer Dissertation sehr intensiv gewidmet. (Siehe Kasten, Anm.) Sehen Sie diese Dynamik heute immer noch?