Bettina Zehetner im Gespräch mit Dagmar Weidinger. - © Markus Ladstätter
Bettina Zehetner im Gespräch mit Dagmar Weidinger. - © Markus Ladstätter

Leider ja, denn sehr oft fragen mich Frauen im Erstgespräch: Bin ich schon krank? Viele Frauen trauen ihrer eigenen Wahrnehmung sehr wenig. In letzter Zeit gibt es einige Artikel zu dem sogenannten "Gaslighting Phänomen". Das bedeutet, dass man die eigene Wahrnehmung in Frage stellt, da man von einer anderen zumeist Vertrauensperson permanent verunsichert oder manipuliert wird. In Gewaltbeziehungen passiert es oft, dass ein Partner dem anderen erzählt: Was du denkst, ist falsch. In der Beratungsstelle begegnen uns dann Frauen, die in ihrem Selbstwertgefühl bereits so verunsichert sind, dass sie ihrem eigenen Urteil überhaupt nicht mehr trauen. Viele Frauen halten aber auch das Getrennt-Sein innerhalb der Beziehung schwer aus und erkennen nicht, dass es unterschiedliche Meinungen oder Wege geben darf.

Was macht es Frauen so schwer, sich etwas anderes als das Gegebene vorzustellen oder unkonventionelle Wünsche zu äußern?

Es ist manchmal leichter, sich hinter jemand anderem zu verstecken und dessen Vorstellungen zu übernehmen, vor allem, wenn man es - wie viele Frauen - von klein auf so vorgelebt bekommt. Die Dressur beginnt schon sehr früh; wofür man Anerkennung bekommt, das wird bestärkt. Und kleine Mädchen bekommen einfach mehr Anerkennung für ihr Angepasstsein, ihre Hilfsbereitschaft oder Beziehungsorientierung als kleine Buben. Diese werden nach wie vor viel mehr auf Autonomie hin erzogen; Eigenwilligkeit wird eher positiv gesehen. Wer früh lernt, dass Anpassung das Ziel ist, fragt sich später beim Aufkommen eigener Wünsche möglicherweise, ob er nicht krank ist. Daher finde ich es übrigens besonders wertvoll, dass wir bei "Frauen* beraten Frauen*" auch eine Online-Beratung anbieten können, denn so können uns auch Frauen erreichen, deren persönliche Hemmschwelle, zu uns zu kommen, aus Scham ansonsten zu groß wäre. Hier spielt die Anonymität des Schreibens eine wichtige Rolle.

Aber ist es nicht doch nötig, einem Menschen in der Beratung persönlich gegenüber zu sitzen, um seine oder ihre empathische Haltung zu spüren . . . ?

Nicht unbedingt. Im Schreiben entsteht eine sehr nahe und intensive Beziehung. Viele Frauen berichten uns außerdem, dass sie gerade durch das Schreiben zu dem gekommen sind, was sie brauchen, und dass sie es sehr schätzen, die Texte weiterhin als Stütze zu haben. Manche erzählen zum Beispiel: Ich habe mir meine erste Anfrage und ihre Antwort wieder hervorgeholt. Es ist ja unglaublich, was sich in diesem Jahr getan hat. Mithilfe der schriftlichen Dokumentation wird die persönliche Entwicklung manchmal deutlicher und expliziter, als wenn ich jede Woche in die Beratung komme und erzähle. Das Mündliche ist dann auch ein Stück weit wieder weg. Wir nehmen uns übrigens auch sehr viel Zeit, um die Qualität unserer Online-Beratung zu gewährleisten.

Sie sind in einer Kleinstadt in Oberösterreich aufgewachsen. Hätten Sie Sich vielleicht damals als Kind oder Jugendliche schon gewünscht, dass es eine Stelle für Frauen gibt, an die man schreiben kann?

Das ist ein spannender Gedanke. Es stimmt, dass ich viele Frauen in meinem Umfeld als nicht wirklich erfüllt erlebt habe. Das Modell der klassischen Familie kam mir rundherum - bei meinen Freunden und Klassenkolleginnen, den Nachbarn, eigentlich überall - als etwas sehr Einschränkendes, im Sinne von relativ traditionellen Rollenbildern, vor; und nicht so, wie man sich ein glückliches, freies Leben vorstellt. Ich erlebte schon damals einige Scheidungen bei Eltern von Schulkolleginnen im Umfeld als sehr schmerzhafte Erlebnisse. Mein Gedanke dazu war tatsächlich häufig: Diese beiden Menschen haben sich doch noch nie verstanden, hätte man diese traurige Entwicklung nicht verhindern können? Eine Beratung vor der Eheschließung hätte da bestimmt geholfen. Ich bin deshalb auch heute sehr dafür, dass sich sowohl Männer als auch Frauen, egal ob gleichgeschlechtlich oder gegengeschlechtlich, bevor sie eine bestimmte Beziehungsform eingehen, beraten lassen. Eine Ehe ist ja letztlich ein Vertrag. Da sollten beide wissen, was der Abschluss für sie konkret bedeutet - finanziell und rechtlich, von der Beistandspflicht im Sinne gegenseitiger Unterstützung bis hin zur partnerschaftlichen Aufteilung der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit.