"Wiener Zeitung": Herr Cepic, warum beginnen Sportler zu dopen?

Michael Cepic: Aus Sicht der NADA gibt es hier eine Vielzahl an Gründen. In vielen Sportarten bringt Doping gar nichts, nämlich dann, wenn es in erster Linie auf Koordination, Konzentration und Reaktionsvermögen ankommt. Ein höheres Risiko gibt es bei Sportarten, in denen Kraft und Ausdauer maßgeblich sind, also Fähigkeiten, die man mit Anabolika oder Blutdoping steigern kann. Nach Verletzungen oder zur Beschleunigung der Regeneration ist das Dopingrisiko allerdings in allen Sportarten gleich hoch. Ein weiterer Punkt ist, dass Sportler sehr oft davon ausgehen, dass die anderen dopen - und auch das kann eine Motivation sein. Im viel gescholtenen Radsport wurde Anfang der 2000er Jahre intensives Blutdoping durchgeführt. Allerdings haben Sportler damals nicht gedopt, um sich einen Vorteil zu verschaffen, sondern, um im Radsport überhaupt mithalten zu können. Auf der damaligen Liste der Gewinner und Top-Ten-Platzierten der Tour de France sind von 100 Athleten 80 wegen Dopings gestrichen. Inzwischen hat der Radsport auf internationalem und nationalem Niveau sehr viel getan, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Wie fällt die Entscheidung, welcher Sportler kontrolliert wird?

Seit 2013 gibt es einen biologischen Pass für Spitzensportler, mit dem Blut- und Steroidwerte langfristig überwacht werden. Zeigen sich hier Abnormalitäten, ist das bei uns schon ein Warnsignal. Ein weiterer Aspekt wäre, wenn ein Sportler ohne ersichtlichen Grund eine plötzliche Leistungsexplosion hat, denn wir sammeln die Hintergrundinformationen über das Training. Natürlich spielen auch sogenannte "Whistle-Blower" eine Rolle; Sie glauben gar nicht, wie viele Anrufe und Mails mit Hinweisen wir bekommen, aber mit diesen Verdachtsmeldungen muss man sehr vorsichtig umgehen, weil oft eine andere Motivation dahintersteht. Ein solcher Tipp alleine würde nicht für eine Kontrolle ausreichen, dafür muss ein ganzes Bündel an Informationen vorliegen.

Michael Cepic beim Gespräch mit der "Wiener Zeitung". - © Jungwirth
Michael Cepic beim Gespräch mit der "Wiener Zeitung". - © Jungwirth

Das heißt, Sie und Ihre Mitarbeiter verbringen täglich einige Stunden mit Sportnachrichten?

Damit habe ich kein Problem, weil es mich ohnedies interessiert, es ist Teil meiner Arbeit, aber ich würde es auch privat anschauen. Ich war immer sportbegeistert, was dieser Funktion mit Sicherheit nicht abträglich ist. Von den rund 60 Fachverbänden in Österreich verfolge ich bei zumindest zwei Drittel die sportlichen Leistungen mit großem Interesse und Vergnügen.

In einem Interview wurde der ehemalige Skirennläufer Franz Klammer, ein deklarierter Doping-Gegner, gefragt, ob Sportler verpflichtet werden sollten, dopende Teamkollegen zu melden. Er hat sich mit der Antwort sehr schwergetan.

Ich komme selbst aus dem Sport. Es ist eine schwierige Situation, das sind - egal, ob es sich um Einzel- oder Mannschaftssport handelt - Freunde und Kollegen. Ich denke, dass die Anti-Doping- Arbeit in erster Linie eine Aufgabe der jeweiligen NADA und des jeweiligen Fachverbandes ist. Es kann nicht sein, dass man die Verantwortung für einen sauberen Sport an den einzelnen Sportler auslagert und suggeriert, er müsse uns erzählen, was hier vorgeht. Das wäre zu einfach. Natürlich brauchen wir die Unterstützung der Sportler, aber in der Realität steigt die Bereitschaft, Informationen zu geben, erst dann, wenn der Athlet selbst mit einer positiven Probe erwischt wurde. Im Normalfall sind Hinweise von aktiven Sportlern dürftig - wenn, dann erfolgen sie eher nach Kar-riereende.

Bedeutet ein Dopingnachweis nicht meist auch das Karriereende für den betroffenen Sportler?